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Die Liebesblogger

Was wissen wir wirklich über die Liebe?

Die Liebe und ihre Feinde (Teil X): Wieso uns eine fundierte Grundlagenforschung in Sachen Liebe weiterhilft

 

Wie kaum ein anderer Bereich unseres Lebens ist die Liebe zu einem Spielball von Ansichtengeworden. George Vaillant, der langjährige Leiter der Harward-Gesundheitsstudie bedauert das zutiefst. Sein Credo geht in eine ganz andere Richtung:

 

„Belief isn’t enough – however impassioned our convictions, they need to be tested.“

 

Ohne es zu beabsichtigen, hat sich Vaillants Studie (offiziell nach ihrem Gründer Grant-Studie genannt) im Laufe von 80 Jahren – so lange läuft die Studie jetzt schon – zu einer regelrechten Grundlagenforschung in Sachen Liebe entwickelt.

Belief is not enough

 

Wir sind der Ansicht, dass die Liebe in den letzten Jahrzehnten schwieriger geworden ist – überprüft wird diese Annahme nicht. Wir sind der Ansicht, dass die Liebe harte Arbeit ist oder – genau im Gegenteil – dass Sie keinerlei Bemühung bedarf und nur die Hingabe an das Gefühl braucht, das dann aus sich heraus stabil bleibt. Auch diese Ansichten werden von ihren Verfechtern nicht auf ihre Validität überprüft. Manch ein Rock-Poet ist da realistischer, wenn er die Vergänglichkeit der Liebe besingt. „I don’t trust my inner feelings. Inner feelings come and go“, singt etwa der wohl größte Lyriker des 20. Jahrhunderts, der kanadische Musiker Leonard Cohen.

Die Liebe ist weitgehend der Spielball von Ansichten, Meinungen und Überzeugungen. Hollywood und die deutsche Vorabendserie lassen grüßen. Sie bestimmen zum großen Teil, was wir über sie denken. Von wegen „they need to be tested“. In der Liebe folgen wir Ansichten und Meinungen. Aber wir testen sie nicht.

 

„Was ist das Erfolgsrezept ihrer langen Ehe?“

 

Auch die Befragung von langjährigen Paaren vermag die Frage nicht zu klären, warum sie so lange zusammen sind, während andere schon lange auseinandergegangen sind.„Man muss zusammenstehen, in schwierigen Zeiten und in guten“, sagt ein Paar, gefragt, warum sie auch zur diamantenen Hochzeit noch zusammen sind. Außerdem sagen sie, sei „gegenseitiges Vertrauen“ wichtig.

Sind Sie jetzt klüger? Ich nicht.

Die Frage ist doch: Wie schafft man das, in schwierigen Zeiten zusammenzustehen? Wie gelingt Vertrauen? Was müssen wir ganz konkret tun, damit die Liebe so lange hält? Und was sollten wir unterlassen? Darüber erfahren wir nichts und können wir auch nichts erfahren.

Der Grund dafür ist ganz einfach: Ein Paar das die diamantene Hochzeit feiert hat nicht die geringste Ahnung, warum es so lange zusammen ist – und schon gar nicht weiß es, warum andere, weniger erfolgreiche Paare, schon nach wenigen Jahren auseinander gegangen sind.

 

Und was sagt die Psychologie dazu?

 

Nicht nur die Medien und der Alltagsverstand belassen es bei ihrer Auseinandersetzung mit der Liebe bei ungeprüften Ansichten, Annahmen und Vermutungen. Auch die Psychologie macht es in großen Teilen bis auf den heutigen Tag so. Therapeutische Schulen haben noch immer ihre Ansichten. Die entsprechen dann in der Regel den Ansichten des Gründers oder der Gründerin der jeweiligen Schule. Eine Überprüfung fand und findet auch hier nicht statt.

 

 

Wo bleibt die Forschung in Sachen Liebe?

 

Diese weitgehende Abwesenheit von ernsthafter Forschung in der Diskussion über die Liebe ist ein seltsamer Anachronismus in unserer Zeit. Astrophysiker dringen mit Hilfe immer neuer Teleskope, Radioteleskope und Röntgensatelliten bis in die fernsten Fernen des Weltalls vor, um die Stellung des Menschen im Universum besser zu begreifen.

Nicht nur dem Weltall versuchen wir seine Geheinisse zu entreißen. Auch das Atom und sein Aufbau treibt uns um und beschäftigt hunderte wenn nicht gar tausende von Kernphysikern rund um den Globus. Wir verwenden Milliarden darauf, auch den allerkleinsten der bislang bekannten subatomaren Teilchen ihre Geheimnisse mit Hilfe von immer größeren Teilchenbeschleunigern zu entreißen. Der (bislang) größte von ihnen hat einen Umfang von 27 Kilometern und ist Teil der großen europäischen Kernforschungsinstitution CERN in der Schweiz. Auf diesem unglaublich langen und ebenso unglaublich teuren Ring werden Bestandteile des Atoms nahezu bis auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigen, um sie dann aufeinanderprallen zu lassen.

Tausende von Archäologen, Historikern, Biologen und Wirtschaftshistorikern versuchen Licht in das Dunkel der Entwicklung der menschlichen Gattung zu bringen. Sie graben noch den letzten Winkel des mexikanischen Regenwaldes um, um das Leben der früher dort lebenden Mayas besser zu begreifen. Das darf dann gerne auch Millionen kosten.

 

 

Wir wollen wissen, was die Welt in ihrem Innersten zusammenhält. Und wir wollen wissen, wohin das alles unseren Planeten und die Galaxie in der er liegt führen wird. Kaum jemand kommt auf die Idee, zu diesen grundlegenden Fragen der menschlichen Existenz einfach mal eben eine Meinung zu haben. Oder eine Ansicht. Was zählt, das sind vielmehr Fakten und Argumente.

 

Die Philosophie schweigt

 

Mich selber beschäftigen Fragen zur Herkunft des Weltalls, zur Entwicklung des Menschen oder zum Aufbau der Materie auch. Ich habe Philosophie studiert und nichts hat die frühen griechischen Philosophen so sehr beschäftigt wie das Wesen der Dinge hier auf Erden und die Struktur des Kosmos. Leider haben aber schon diese Denker den Grundstein gelegt für die weitgehende Abwesenheit der Liebe in der Wissenschaft. Die Griechen kannten Mythen über die Liebe. Eine wirkliche Philosophie der Liebe kannten sie nicht und hielten sie auch nicht für nötig. Schade.

Dazu war das Verhältnis von Männern und Frauen vor zweieinhalb tausend Jahren auch gar nicht angetan. Die griechische Gesellschaft war weitgehend agrarisch geprägt, wie alle Gesellschaften der damaligen Zeit. Sie hatte zudem einige Handwerker und eine kleine Elite, die Gewinne aus dem zunehmenden Handel rund um das Mittelmeer einstrich. Auch bei den Griechen galten die beiden Bestandteile Machtgefälle zwischen Männern und Frauen und Unauflöslichkeit der Ehe, die wir bereits aus dem ersten Teil dieser Serie „Die Liebe und ihre Feinde“ kennen. Beide Momente sorgten schon damals für ein hohes Maß an Frust und Unglück in der Ehe – zum Beispiel für eine unbefriedigende Sexualität. In dem Punkt unterscheiden sich moderne Ehen überhaupt und gar nicht von denen der alten Griechen.

Frauen galten zur damaligen Zeit wenig – Freundschaft und intellektuelle Gespräche waren, bis auf wenige Ausnahmen wie den Philosophen Epikur, nur unter Männern vorstellbar. Die Liebe war kein Kind der Freiheit, sondern eingespannt in die Wirtschaftsgemeinschaften der bäuerlichen oder handwerklichen Haushalte. Die aristokratische Elite genehmigte sich abweichende Lebensformen.

 

Eros und Philia

 

Immerhin bemerkten schon die Griechen, dass es unterschiedliche Arten der Liebe gibt, und identifizierten die freundschaftliche Liebe (Philia) sowie Eros, die erotische Anziehung, als mögliche Formen. Na immerhin. Ein Anfang war gemacht, der uns noch beschäftigen wird. Liebe und Eros sind zwei verschiedene Aspekte der partnerschaftlichen Liebe, die für die meisten Menschen eng zusammen hängen, die aber nicht das gleiche sind.

 

 

Wo bleibt nur unsere Neugier auf die Liebe?

 

Das Weltall erforschen, das Atom und seinen Zusammenhalt erklären, Maya-Siedlungen im mexikanischen Regenwald finden – während unsere Energie in diesen Fällen scheinbar grenzenlos zu sein scheint, valide Antworten auf die Frage nach dem Wesen der Dinge zu erhalten, fristet die Liebe, fristet das Begreifen der Liebe, bis heute ein geradezu kümmerliches Dasein. Es gibt kein Schulfach Liebe. Es gibt kein Studium der Liebeswissenschaft. Bis auf wenige Ausnahmen gibt es auch keine nennenswerte Forschung zur Liebe.

Wir weigern uns mit einer Ignoranz und einer Sturheit die an Dummheit grenzt, Immanuel Kants berühmten Satz „Lerne, dich deines Verstandes zu bedienen“ auch auf die Liebe anzuwenden. Das Weltall wird mit dem Verstand begriffen. Die Mayas und ihr Verschwinden auch. Aber nicht die Liebe. Und anschließend beklagen wir uns wortreich über die Folgen, die diese Ignoranz für unser Leben hat.

 

Erkenntnis Nummer Neunzehn: Wer wenig über die Liebe weiß, der folgt gerne gesellschaftlichen Stereotypen und persönlichen Ansichten, einerlei ob sie zu seiner Partnerschaft passen oder nicht. Wissen ist in der Liebe eine ungeheure Macht.

 

Love is all you need

 

Als Berater kenne ich den Wert des Wissens über die Liebe sehr genau. Wer wenig über sie weiß, der verheddert sich schnell im Gestrüpp von Vermutungen und Annahmen was einer Beziehung gut tut.

Der Preis den Paare für dieses Unwissen bezahlen ist in meinen Augen viel zu hoch. Sie gehen das Risiko ein, dass eine langjährige Partnerschaft scheitert. Sie riskieren, dass ihre Ehe im Strudel von partnerschaftlichen Streits oder von Untreue scheitert und ihre Familie auseinandergerissen wird.

Und sie riskieren, dass sie populäre Mythen über die Liebe vertrauen – etwa dem Mythos, dass die Untreue eine Beziehung beleben kann. Oder dem Mythos, dass eine moderne Frau sich für den Sex ruhig einen Lover suchen kann – ohne Schaden für Ihre Ehe.

Aber das ist schon wieder ein neues Thema. Und mit dem geht es in der kommenden Woche weiter. Im elften Teil der Serie über die Liebe und ihre Feinde.

 

Dieser Text ist, wie alle Beiträge der Reihe „Die Liebe und ihre Feinde“, zunächst auf den Seiten von welt.de erschienen. 

Teil I: Die Liebe und ihre Feinde
Teil II: Warum Partnerschaften wirklich scheitern
Teil III: Wieso es in schwierigen Partnerschaften vor allem an positiver Zuwendung fehlt
Teil IV: Wieso wir uns auf das konzentrieren sollten, was in einer Beziehung gut läuft
Teil V: Kritik ist ein Beziehungskiller. Warum wir in einer Beziehung nicht versuchen sollten, die Dinge auszudiskutieren.
Teil VI: Wieso wir uns Zeit füreinander nehmen müssen, wenn die Liebe halten soll – auch Zeit für den Sex
Teil VII: Wenn der Sex selten wird, dann schwindet auch die Liebe – dagegen lässt sich etwas tun
Teil VIII: Wieso das Smartphone das Verbundenheitsgefühl eines Paares beeinträchtigen kann
Teil IX: Wieso eine Fernbeziehung besser sein kann als zusammen zu leben

2 Kommentare

  1. Elisabeth Morack

    6. Juni 2019 at 09:45

    Klasse, auf den punkt gebracht und sorgfältig ausgeführt. Vielen dank!
    (Und welche wunderschönen bibliotheken sind das?) Elmira

    • Christian Thiel

      7. Juni 2019 at 13:37

      Ich weiß es leider nicht. Sicherlich amerikanische Bibliotheken. Ich suche die Fotos für die Beiträge immer auf amerikanischen Portalen aus.

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