„Ich bin 36 und seit fünf Jahren in einer festen Beziehung, mein Freund und ich wohnen auch zusammen. Manchmal habe ich das Gefühl, unsere Beziehung durchläuft jedes Jahr die gleichen Phasen: Im Winter streiten wir uns total viel, manchmal denke ich da auch an Trennung. Doch kaum wird es wärmer, entspannt sich alles wie auf magische Weise zwischen uns und wir können auch wieder viel mehr miteinander lachen. Mich nerven diese Auf und Abs, ich frage mich, ob das normal ist – oder ich doch ernsthaft erwägen sollte, mich zu trennen?“ 

 

Es gibt in der Beratung den schönen Begriff der Schönwetter-Paare. Damit sind Paare gemeint, die so lange ein gutes Paar sind, wie die Beziehung kaum Stress aushalten muss. Kaum aber kommt es zu ernsthaften Schwierigkeiten im Leben, schon geht es bei Schönwetter-Paare drunter und drüber.

Ernsthafte Schwierigkeiten gehören zum Leben dazu. Wir werden krank, vielleicht auch ernsthaft krank. Wir werden arbeitslos. Wir haben Stress mit dem Chef. Unsere Eltern sterben. Kinder werden geboren und fordern all unsere Kraft, unsere Zeit und unsere Energie. Das waren jetzt nur einige wenige Beispiele für das, was Schönwetter-Paare aus dem Gleis werfen kann.

 

Im Winter viel zu streiten statt viel zu kuscheln, das ist anstrengend

 

Ihre Frage zielt nun auf eine wirklich spannende Form des Schönwetter-Paares ab. Sie sind offensichtlich ein Paar, das bei viel Sonne entspannt und gelassen mit den alltäglichen Widrigkeiten zurecht kommt. Und bei wenig Sonne, wenig Tageslicht und viel Schmuddelwetter sinkt die Stimmung.

Zunächst einmal finde ich das alles völlig verständlich – und überhaupt und gar keinen Grund, sich zu trennen. Jeder Paarberater und jede Paarberaterin kennt das Phänomen, dass Paare ab November, wenn die Tage grau und grauer werden, wegen eines Termins anrufen. Und wir erleben auch das gegenteilige Phänomen, dass ab Juni die Hälfte der Paare einfach so aus der Beratung verschwindet. Bei ihnen allen ist es das Wetter und die gute Stimmung und das viele Lachen, dass die trübselige Stimmung des Winters verschwinden lässt.

Alles ganz normal, könnte man jetzt sagen. Aber damit ist Ihnen möglicherweise nicht geholfen. Im Winter viel zu streiten statt viel zu kuscheln, das ist anstrengend. Stellt sich die Frage: Gibt es einen Ausweg aus dem jährlichen Kreislauf von schlechter Stimmung im Winter und guter im Sommer in dem Sie leben? Ja, den gibt es. Zunächst einmal sollten Sie beide sich darüber klar werden, wie Sie es schaffen, sich ab November nicht mehr so richtig glücklich zu machen. Die entscheidende Frage lautet: Was machen Sie dann anders? Sagen Sie sich seltener etwas Positives? Kritisieren Sie sich häufiger? Oder reden Sie beide schlicht viel zu wenig über Ihr Gefühlsleben?

 

„Bist du für mich da? Sprichst du mit mir, wenn ich traurig bin? Wirst du nicht ärgerlich auf meine Stimmungen reagieren?“

 

Das letzte ist einer der entscheidenden Gründe, warum Paare unglücklich miteinander werden. Jeder von uns hat Gefühle. Gefühle sind der Kern unserer Persönlichkeit. Und Gefühle können es nicht leiden, wenn sie nicht wahrgenommen werden. Auch schlechte Stimmungen wollen verstanden werden. Und schlechte Stimmungen gibt es im Leben unentwegt. In einer Partnerschaft wollen wir vom anderen verstanden werden – auch wenn unsere Stimmung mal sinkt.

„Bist du für mich da? Sprichst du mit mir, wenn ich traurig bin? Wirst du nicht ärgerlich auf meine Stimmungen reagieren?“ So hat John Gottman es in einem Interview mal sehr treffend ausgedrückt. Schönwetter-Paare  wissen in der Regel nicht mehr weiter, wenn die Stimmung bei einem von beiden sinkt. Sie schaffen es nicht, dem anderen den Rücken zu stärken, wenn der es gerade am allerdringendsten braucht.

So gesehen ist Ihre Frage ob Sie sich trennen sollten schon besser verständlich. Stets und immer keine Rückhalt zu bekommen wenn man ihn gerade braucht, das ist nicht nur unangenehm. Es stimmt auch pessimistisch – für die Zukunft einer Beziehung. Denn diese Zukunft besteht mit Sicherheit nicht nur aus schönem Wetter.

 

Mehr lesen: Interview mit John Gottman. „Bist du für mich da? Sprichst du mit mir, wenn ich traurig bin? Wirst du nicht ärgerlich auf meine Stimmungen reagieren?“

 

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