Im Herbst, wenn in der Stadt die herabfallenden Kastanien die Dächer und Kühlerhauben der Autos mit kleinen Dellen versehen, fahre ich hinaus in den Wald, um den Bäumen beim Sex zuzuhören. Ich wandere durch den Wald, bleibe in die Nähe einer Gruppe von Eichen stehen und lausche gebannt auf das Geräusch, dass die Eicheln machen, wenn sie auf den würzig riechenden Waldboden fallen. Plopp, plopp, plopp. Ein unaufhörlicher Strom ploppt herab von den ausladenden Ästen. Das ist der leise Sex der Bäume.

Sex dient der Fortpflanzung. Auf den ersten Blick scheint diese Ansicht zu stimmen. Alle Lebewesen pflanzen sich in irgendeiner Art und Weise fort. Sie bilden Ableger wie die Erdbeere. Sie lassen Samen reifen und von ihren Zweigen herabfallen wie die Eichen. Sie legen Eier ab und versprühen den Samen darüber wie die Fische. Wieder andere Lebewesen haben hierfür den Sex – wie der Mensch eben.

 

Warum haben Menschen so oft Sex?

 

Sexualität führt beim Menschen in der Tat dann und wann auch mal zur Fortpflanzung. Sehr häufig ist das allerdings nicht der Fall. Einerlei, ob bei uns heutigen Menschen – mit den Möglichkeiten der Verhütung – oder ob ganz früher, in der Steinzeit: Sexualität findet beim Menschen hunderte, ja tausende Male häufiger statt, als es für die Fortpflanzung nötig ist. Wenn die menschliche Sexualität nur die Fortpflanzung gewährleisten müsste, dann käme es im Verlauf unseres Lebens nicht viel öfter als drei, fünf oder sieben Mal dazu. Man stelle sich das nur einmal vor!

Doch so verhält es sich beim Menschen zum Glück ganz und gar nicht. Ein durchschnittliches mitteleuropäisches Paar bringt es in 30 Ehejahren auf gerade einmal zwei Kinder. In der gleichen Zeit hat es sich aber zwischen 500 und 10.000 Mal sexuell miteinander vergnügt. Das sind unglaublich hohe Zahlen und ich kann Ihnen versichern: So etwas ist in der Natur ausgesprochen unüblich. Die Angehörigen einer Schimpansenart mit Namen Bonobo sind dafür bekannt, dass sie noch häufiger Sex haben als wir Menschen. Mehrfach am Tag begatten sie einander, oftmals um Spannungen im Gruppengefüge abzubauen. Die allermeisten Tiere aber nutzen die Sexualität tatsächlich nur oder vor allem zur Fortpflanzung.

 

Armer Gorilla

Nehmen wir als Beispiel doch einmal die Gorillas, genetisch gesehen immerhin einer unser ganz nahen Verwandten im Tierreich. Ein männlicher Gorilla – auch Silberrücken genannt, wegen seiner silbern glänzenden Rückenhaare – schart in der Regel einen Harem von vier bis acht Weibchen um sich. Harem, das klingt prickelnd, nach nächtlichen Ausschweifungen und stundenlangen Liebesspielen. Ein sexuelles Paradies für männliche Gorillas.

Lassen wir solche Fantasien und werfen wir einen Blick auf die ernüchternde Realität: Gorillaweibchen wollen keinen Sex, wenn sie gerade schwanger sind – das dauert acht bis neun Monate, ähnlich wie bei uns Menschen. Gorillaweibchen haben auch keine Lust auf Sex, solange sie sich um ihr Gorillababy und kurz darauf das Gorillakleinkind kümmern, es hingebungsvoll stillen, liebevoll entlausen und ihm mal mehr, mal weniger geduldig die sozialen Regeln des Gruppenlebens beibringen. Das sind nochmals drei bis vier Jahre. Und dann, nach vier bis fünf Jahren der sexuellen Abstinenz, kehrt die Lust bei ihnen wieder zurück. Jetzt kann sich der Silberrücken freuen. Es gibt Sex!

Doch das dauert nicht lange, denn nach einigen Wochen ist das Weibchen wieder schwanger und geht ganz selbstverständlich wieder zum sexlosen Zustand über. Keine Lust auf Sex, beim Menschen nur ein gelegentliches Phänomen, ist bei Gorillaweibchen die absolute Regel.

Die Folge: Ein Silberrücken mit seinem Harem hat einige wenige Male im Jahr Sex. Armer Gorilla!

 

 

Wozu ist so viel Sex gut?

 

Da geht es uns doch deutlich besser! Und noch auffälliger als die Häufigkeit der Sexualität ist beim Menschen das Ausmaß der dafür aufgewendeten Zeit. Viele Schimpansenarten benötigen für den gesamten Sexualakt gerade einmal 15 Sekunden. Das gilt zum Beispiel für die bereits erwähnten Bonobo. Verglichen damit nimmt Sexualität beim Menschen in der Tat einen unglaublichen Raum ein. Schon die Zeit für den Koitus ist ungleich länger – durchschnittlich sieben Minuten. Und weil sich das für die allermeisten Menschen so gut anfühlt, bleibt für sie die Zeit buchstäblich stehen. Sie erleben, wie Wissenschaftler herausfanden, diese sieben Minuten als ob es vierzehn wären.

Doch Menschen belassen es bei ihrer Sexualität nicht bei der Begattung. Zärtliche Liebesspiele von Verliebten können sich über viele Stunden hinziehen und selbst bei langjährigen Paaren sind 30 Minuten oder eine Stunde völlig normal. Mag sein, dass das den Beteiligten sehr viel Spaß macht – mit Fortpflanzung hat das alles aber nichts zu tun.

 

 

Beim Sex wird unser Körper von einer Vielzahl von Hormonen überflutet

 

Noch eine weitere Besonderheit der menschlichen Sexualität ist geeignet, den Glauben an die Fortpflanzungsfunktion der menschlichen Sexualität nachhaltig zu untergraben. Es ist die ausgesprochen große Lust, die Frauen an der Sexualität haben. Das mag zu mancherlei gut sein. Der Fortpflanzung dient es jedenfalls nicht. Zumindest nicht direkt. Da ergibt sich die Frage, in den Worten des berühmten amerikanischen Evolutionsbiologen Jared Diamond: „Warum macht Sex Spaß?“ (Jared Diamond: Der dritte Schimpanse. Evolution und Zukunft des Menschen).

Die Wirkung von Sexualität auf den Menschen ist in der Tat ausgesprochen positiv. Wir fühlen uns danach großartig. Sex ist nicht nur für unsere Seele eine Wohltat („Sie liebt mich immer noch!“), wir spüren seine wohltuende Wirkung auch ganz körperlich. Und das lässt sich im Blut von Liebenden nachweisen. Unser Körper wird von einer Vielzahl an Hormonen überflutet, die unsere Stimmung positiv beeinflussen. Das bekannteste davon ist das als Kuschelhormon bekannt gewordene Oxytocin. Es wird sowohl bei Zärtlichkeiten als auch beim Orgasmus in großen Mengen ausgeschüttet.

 

Das Bindungshormon Oxytocin

 

Doch nicht nur in der Erotik von Liebenden tritt Oxytocin auf, es spielt auch für die Bindung einer Mutter an ihr Kind eine entscheidende Rolle. Wenn ein Neugeborenes mit geschlossenen Augen und gierig geöffnetem Mund an der Brust seiner Mutter saugt, wird Oxytocin in großen Mengen freigesetzt. Bei der Mutter versteht sich. Bindungshormon ist deshalb auch eine gute Bezeichnung für Oxytocin. Schließlich taucht  es immer dann auf, wenn es gilt, eine Bindung zu festigen. Die der Mutter an ihr Neugeborenes. Die der Eltern zueinander. Kurzum: Sxualität dient der Bindung.

 

 

Sex stärkt den Zusammenhalt

 

An dieser Stelle lohnt es, einen Schritt zurückzutreten und sich  nochmals den bereits erwähnten Bonobos zuzuwenden. Auch da hat die Sexualität ja weit mehr als nur Fortpflanzungsfunktion. Bonobos nutzen sie vielmehr häufig aus sozialen Motiven. Sie regulieren Spannungen in der Gruppe mittels Sexualität. Damit dient der Sex hier also dem Zusammenhalt der Gruppe.

Die Parallele zu uns Menschen ist offenkundig: Auch bei uns stärkt die Sexualität den Zusammenhalt, allerdings in ganz anderer Form. Dafür hat die Natur einen guten Grund: Menschenkinder sind bei der Geburt ausgesprochen hilflos. Mutter und Kind benötigen über lange Zeit Hilfe und Unterstützung bei der Nahrungsbeschaffung.

Zudem sind Menschenkinder auf die Unterweisung und Anleitung durch beide Eltern angewiesen, um später einmal auf eigenen Beinen stehen zu können. Die Dauer der Abhängigkeit von Kindern von ihren Eltern ist lang, sehr lang. 15 bis 20 Jahre konnten es auch in der Steinzeit schon sein, bis Kinder selbstständig waren. Blieben die Eltern zusammen, dann half das auch ihrem Nachwuchs.

 

 

Fazit: Sex dient der Bindung

 

Sexualität führt beim Menschen mitunter also durchaus zur Fortpflanzung. Sie dient in ihrer Häufigkeit und Intensität aber einem ganz anderen Zweck: der Bindung aneinander. Wer um die Bindungsfunktion der Sexualität beim Menschen weiß, der kann eine Menge Phänomene besser erklären, etwa die folgenden: .

Warum es so schwer ist, nach einem One-night-stand nicht auf seinen Anruf zu hoffen.

Die Bindungshormone, die beim Sex ausgeschüttet werden, sorgen dafür. Schon allein unsere Fähigkeit, uns an erlebte Freuden zu erinnern, löst immer wieder warme Gefühle und damit kleine Hormongaben in uns aus.

Warum Sexualität bei der Partnersuche erst dann ins Spiel kommen sollte, wenn beide Partner bereits verliebt sind.

Weil nach dem Sex eine unbefangene Prüfung, ob der andere „der Richtige“ ist, nur noch sehr schwer möglich ist.

Warum es Paaren besser gelingt, Lösungen für ein Problem zu finden, wenn sie häufig und gern Sex miteinander haben.

Weil Bindungshormone uns weicher stimmen und kompromissbereiter. Aus diesem Grund rate ich Paaren oft dazu, strittige Fragen zurückzustellen und zunächst einmal für gute Stimmung in der Partnerschaft zu sorgen und für Sex. Ist die Stimmung gut, dann sind oft auch die Probleme leichter zu lösen.

Warum es Paaren ausgesprochen selten gelingt zusammenzubleiben, wenn sie die sexuelle Zuwendung zueinander eingestellt haben.

Sex nährt den Optimismus zusammenzubleiben. Wenn es in einer Partnerschaft keinen Sex mehr gibt, dann verstärkt das bereits vorhandene Konflikte noch und nährt so den Pessimismus beider Partner über die Zukunft ihrer Beziehung. Kein Sex ist für Paare mithin eine ausgesprochen schlechte Idee. Es erstaunt mich immer wieder, wie viele sich dennoch auf diese glitschige und abschüssige Ebene begeben, ohne sich darüber im Klaren zu sein, wohin sie sie unweigerlich führen wird: Zur Trennung.

 

Ein Leben ohne Sex ist schwer

 

Die 42-Jährige Marina etwa lebt schon lange mit dieser drohenden Folge von keinem Sex. Seit fünf Jahren hatte sie nun schon beinahe keinen Sex mehr mit ihrem Partner – weil er nicht will. Marina spürt auch die Gefahr einer Trennung schon lange. Sie weiß tief in ihrem Inneren, dass die Beziehung, in der sie lebt, keine Chance hat, wenn es keine körperlich Intimität mehr gibt.

Dabei hat Marina schon einiges versucht, um ihre Situation zu ändern. Sie hat sich Dessous gekauft und High-Heels. Sie hat Abendessen bei Kerzenschein geplant. Geholfen hat ihr das alles nicht – wie den meisten Menschen, die versuchen, ihr erlahmtes Liebesleben auf diese Weise wieder in Schwung zu bringen (mehr zu Marina und ihrer Geschichte finden Sie hier: Lustlos – was tun, wenn Männer keinen Sex mehr wollen?).

Waldspaziergänge sind eine Erholung. Aber ein wenig melancholisch stimmt es mich schon, den mächtigen Eichen bei ihrer leisen Art der Sexualität zuzuhören. Plopp, plopp, plopp. Was für ein einsamer, beinahe autistisch wirkender Sex das doch ist!

Wie viel besser haben es da wir Menschen, denke ich und fahre nach Hause zu meiner Frau.

 

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