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Ein Bekannter von mir hat Erektionsprobleme – und seine Frau versteht ihn nicht

Ein Bekannter von mir und seine Frau sind beide Mitte 50. Sie haben erwachsene Kinder, führen eine gute Ehe, machen viel, auch Sport zusammen. Er hat schon einige Zeit das Problem, dass er zum normalen Geschlechtsverkehr nicht mehr in der Lage ist (sein Penis wird nicht mehr richtig steif), seine Frau aber richtigen Sex möchte. Klar, kann man verstehen. Aber nicht erzwingen. Er hat ihr schon gesagt, er würde so gerne kuscheln, schmusen, Petting machen, sie befriedigen, ohne das es zur Penetration kommt, besser gesagt, ohne dass er penetrieren muss. Das aber reicht ihr nicht. Er sagte mir, so sei ihm das einfach zu anstrengend. Dann mag er gar nicht mehr kuscheln, weil ihn das so unter Druck setzt. Ich frage mich, warum sie die Bitten ihres Mannes nicht versteht.

 

Mir als Berater stellen sich da gleich mehrere Fragen. Die erst lautet: Hat der Mann das Erektionsproblem nur bei seiner Frau? Oder hat er es auch wenn er Pornografie nutzt? Die meisten (angeblichen) Erektionsprobleme existieren nur, wenn ein Mann Sex mit seiner Frau hat, sind also nicht körperlich bedingt.

Männer lieben die Sicht, dass es ihr Körper ist, der nicht mehr kann. Sie stellen sich ungerne der Tatsache, dass es in vielen Fällen die Psyche ist, die nicht mehr will.

Hat ein Mann Erektionsprobleme, dann versucht er in aller Regel Situationen zu vermeiden, in denen sie erneut auftauchen könnten. Er meidet dann die Sexualität ganz. Oder er schlägt vor zu kuscheln. Nur in seltenen Fällen versucht er, das Erektionsproblem selber zu lösen.

Die Frau Ihres Bekannten hat aber möglicherweise andere Ideen. Beinahe alle Frauen schlagen ihren Männern vor, dass sie mal zum Arzt gehen. Nur selten hört die Frau dann „Tolle Idee, morgen mache ich einen Termin aus!“. Vielmehr kommen von ihm dann eine Fülle von Ausflüchten, warum das nicht geht oder warum er das nicht machen will. Oder er verspricht es zu tun – und macht es dann doch nicht. Und frustriert dadurch seine Frau.

 

Ich habe den Eindruck, dieser Mann nimmt die Wünsche seiner Frau nicht ernst

 

Viele Männer könnten auch einfach gesünder leben, weniger Alkohol trinken, sich gesünder ernähren und mehr Sport machen und wären dann fitter. Gut möglich, dass die Frau Ihres Bekannten auch das vorgeschlagen hat. Ich würde es ihm jedenfalls vorschlagen. Und wenn der Mann das dann nicht macht – dann ist die Frau wiederum frustriert. Er nimmt in ihren Augen ihre Bedürfnisse nicht ernst.

Zudem gibt es auch noch die Möglichkeit, mit Tabletten nachzuhelfen. Auch davon ist in Ihrer Zuschrift nicht die Rede. Mir stellt sich noch eine weitere Frage: Warum hat er Sie mit seinen sexuellen Problemen vertraut gemacht? Ich habe da eine Vermutung. Er wusste genau, dass er Sie auf seine Seite ziehen kann (was ihm ja erkennbar auch geglückt ist). Nächste Frage: Warum sind Sie mit dem Mann so vertraut, dass er sogar eheliche Probleme mit Ihnen bespricht – kennen aber seine Frau kaum?

Ich habe den Eindruck, dieser Mann nimmt die Wünsche seiner Frau nicht ernst. Und ich habe den Eindruck, dass Sie sich hinter ihn stellen. Ich kenne das aus der Beratung. Seine Freunde stellen sich hinter ihn. Das hilft aber nicht weiter. Weiterhelfen könnten Sie ihm in meinen Augen, wenn Sie ihn ermuntern, die Wünsche seiner Frau ernster zu nehmen.

 

Ihr „guter Freund“ muss sich nicht mit Ihnen einigen – er muss sich mit seiner Frau einigen

 

Menschen erzählen liebend gerne eine Version einer Geschichte, die zu ihren eigenen Gunsten geschönt wurde. Das scheint auch ihr Freund so gemacht zu haben. In seiner Version ist seine Sicht der Dinge die Richtige. Klar. Und seine Frau kommt als die wenig Verständnisvolle daher. Gut möglich, dass Sie ziemlich erstaunt wären, wenn Sie ihre Version der Geschichte hören würden. Als Berater kann ich das Tag für Tag machen – die andere Seite fragen. Ich kann mir beide Versionen anhören. Und ich staune immer wieder, wie unterschiedlich die beiden Erzählungen sind.

Ihr „guter Freund“ muss sich nicht mit Ihnen einigen, dass seine Frau angeblich verkehrte Vorstellungen hat – er muss sich mit seiner Frau einigen. Und daran dass er das ernsthaft versucht hat, habe ich sehr ernsthafte Zweifel.

Auf Ihre Frage, warum die Frau die Bitten Ihres Mannes nicht versteht, gibt es in meinen Augen also eine klare Antwort: Er macht es sich (vermutlich) zu leicht und nimmt ihre Wünsche und Bedürfnisse nicht ernst. Dazu müsste er mehr mit seiner Frau reden als mit Ihnen. Vielen Paaren fällt das schwer, dabei entsteht gerade im Gespräch die Nähe, die ihnen fehlt und die oft in körperliche Nähe übergeht. Sexualität ist die Fortsetzung eines guten Gesprächs mit anderen Mitteln.

 

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9 Kommentare

  1. A.

    Super Antwort Herr Thiel! Ich als Frau würde mich bedanken wenn mein Partner diese Fragen /Problemen bei einer „Bekannten“ deponiert. Und die Bekannte kniet sich auch noch richtig rein und mischt sich in Sachen ein, die sie überhaupt nichts angehen. Als wirklich gute Bekannte hätte sie ihm geraten mit seiner Frau zu sprechen. Ich hoffe sehr, dass mein Partner keine solche Bekannte hat.

  2. Andrea

    Hm, ich kann zwar unterschreiben, dass der Mann sich mit den Wünschen seiner Frau beschäftigen sollte, finde aber trotzdem, dass sie unnötigen Druck aufbaut. Auf Wünsche eingehen sollte doch außerdem was gegenseitiges sein? Soweit wir wissen, ist es das jedoch nicht, sie kümmert sich anscheinend auch nicht um seine. Ich finde die Vorstellung von angeblich „richtigem Sex“, der an Penetration gebunden ist, zudem schwierig, auch für Frauen (und ich bin eine). Soweit ich weiß, wird Paaren, die in der geschilderten Situation sind, häufig empfohlen, den Druck raus zunehmen, das würde das „nur kuscheln“ ja ermöglichen. Männer stehen oft unter Druck im Bett Leistung zu bringen und das tut dem Sexleben auch nicht gut.

  3. R.

    Lieber Herr Thiel, ich schätze Sie (schon lange) sehr ! Ich teile fast alles, was Sie hier schreiben, insbesondere dass der Mann sich nicht dem Problem stellt und nach einer Lösung sucht. Das Anvertrauen an eine „Bekannte“ geht gar nicht !

    Die ersten drei Absätze teile ich allerdings nicht mit ihnen. Sie/wir wissen nicht, woran es liegt. Es gibt durchaus medizinische Gründe. Eine Ferndiagnose bzw.. Verbindung zu „häufigen Fällen“ bei Männern finde ich unpassend, überflüssig, da spekulativ in diesem konkreten Fall, die Verbindung zur Pornografie…puh…Sport scheint er auch mit seiner Frau zu treiben.

    Die ersten drei Absätze sind daher für mich im Grunde überflüssig, gefühlt „Männer-Bashing“. Alles, was danach kommt, da bin ich voll bei Ihnen.
    Wie immer der C. Thiel, den ich schätze !

    • Christian Thiel

      An der Zuschrift fällt auf, was der Mann seiner Bekannten nicht gesagt hat. Er nichts von einem Arztbesuch gesagt. Warum nicht?
      Ja, es gibt durchaus medizinische Gründe. Von denen ist aber in der Zuschrift überhaupt nicht die Rede. Auch ist nicht klar, ob der Mann überhaupt ein generelles Erektionsproblem hat. Seine Bekannt hat ihn nicht gefragt, ob er Pornografie nutzt und ob er dann eine Erektion hat. Natürlich nicht! Wer bitte fragt so etwas seine Freunde oder Bekannte.
      In der Beratung aber kann ich das tun. Das Ergebnis: Bisher waren nahezu alle Fälle von Erektionsproblemen in meiner Beratungspraxis Erektionsprobleme, die sich nur auf die Ehefrau bezogen (oder auf eine Geliebte), hatten also keinen oder nur einen sehr geringfügigen körperlichen Hintergrund.

      • Bernd

        Sehr geehrter Herr Thiel,
        die Beschreibung des Falles ist sehr kurz. Ihre Antwort ist sehr spekulativ. Trotzdem kommen Sie zu einem eindeutigen Schluss. Dies begründen Sie mit ihrer Beratungspraxis.
        Es ist bei Ihnen schon sehr auffällig, dass es immer der toxische Mann ist.
        Fällt Ihnen überhaupt ein Grund ein, warum es an der Frau liegen könnte?

        • Christian Thiel

          Lieber Bernd,
          ich habe noch nie von „toxischen“ Männern geschrieben und ich werde das auch in Zukunft nicht tun. Wie kommen Sie darauf?
          Zum Zweiten: Ist Ihnen eigentlich aufgefallen, dass mir eine Frau geschrieben hat – und dass ich ihr den Kopf gewaschen habe (wie ich manchmal salopp sage, wenn ich die Haltung eines Menschen in Frage stelle)? Sie verhält sich in meinen Augen grundfalsch, wenn sie sich von ihrem Bekannten einfach so eine Geschichte erzählen lässt die (nach meiner Erfahrung) vorne und hinten nicht stimmt. Und dann für ihn Partei ergreift.
          Aber auch diese Frau ist nicht toxisch. Was soll diese pharmazeutische Sprechweise überhaupt sagen? Diese Frau verhält sich unbeholfen – wie wir alle wenn es um die Liebe geht allzu oft unbeholfen sind. Das gleiche gilt für den Bekannten der Frau. Auch er macht es vermutlich so gut wie er kann.
          Wenn alle die in der Liebe Fehler machen gleich „toxisch“ sind, dann bleibt da draussen niemand übrig, der das nicht ist. Und das Wort verliert jede Bedeutung.
          Mir fallen in der Tat nie Gründe ein, warum es an der Frau liegt. Nie. Weil es nie an der Frau liegt (so wie es auch nie am Mann liegt). Es liegt immer an zwei Menschen. Schade, dass Sie das noch nicht begriffen haben. Wo ich mich doch so bemühe, das wieder und wieder zu erklären.

  4. Bernd

    Ich habe das schon lange begriffen, dass es fast immer an der Zusammenarbeit und Verhalten von zwei Menschen liegt.
    Aber ihre Antwort nimmt nur den Mann in die Pflicht und nicht auch die Frau.

    • Christian Thiel

      Wenn mir seine Frau schreiben würde, dann würde ich sie in die Pflicht nehmen. Hier hat mir eine Frau geschrieben (die ich in die Pflicht genommen habe!), die auf uneingeschränkte und blinde Solidarität mit einem Freund setzt. Und das ist nach meiner Überzeugung ein schwerer Fehler.
      Noch einmal: Ich habe genau dieser Frau widersprochen. Haben Sie das überhaupt bemerkt? Sie macht mit ihrem „Ich verstehe die Frau meines Freundes nicht“ einen sehr schweren Fehler. Und damit schadet sie der Partnerschaft ihres Freundes. Sorry, aber ich kann mich Ihrer Kritik beim besten Willen nicht anschließen.
      Zudem sind die Fehler dieses Mannes (eine Bekannte in den Konflikt mit hineinziehen) so haarsträubend, dass ich gar nicht anders kann, als den Kopf zu schütteln. Und zu Einsicht aufzurufen.

  5. Andreas N.

    Mir ging es schon beim Lesen der Zuschrift so, dass ich mich gefragt habe: „Wieso weiß sie über die intimsten Dinge aus der Partnerschaft ihres „Bekannten“ in diesem Detailgrad Bescheid?“ Und „Warum erzählt er ihr das überhaupt?“
    Diese „Bekanntschaft“ ist in jeder Hinsichtlich schädlich für die Beziehung, denn der Mann verteilt seine „intime“ Energie auf mehrere Frauen, und vielleicht auch bald seine Liebe?
    Meine Ex-Frau hatte eine ähnliche Beziehung zu einem alten Studienfreund, mit dem sie über unsere intimsten Probleme gesprochen hat. Sie war ehrlich genug, mir das zu sagen, und ich habe ihr dann damals gesagt, dass ich das nicht möchte, denn 1. verletzt es meine Intimität, und 2. unsere Paar-Intimität und 3. hilft es uns nicht weiter, weil sie nicht mit mir nach Lösungen sucht, sondern sich bei ihm über mich beschwert. Aktive Verantwortungsübernahme sieht anders aus! Sie hat es dennoch weiter gemacht und kam dann immer wieder mit Lösungsvorschlägen, wie ihr Freund diese Probleme mit seiner Partnerin gelöst hätte. Das hat mich wütend gemacht, denn diese Vorschläge haben oft nicht zu meinen Bedürfnissen gepasst, haben also nicht zu uns gepasst. Sie war darauf erst recht verständnislos, weil sie sich „im Recht“ fühlte und ich doch einfach nur ihre Lösung hätte umsetzen können. Die Folge war eine weitere starke Entfremdung.
    Deswegen eine großartige Analyse: diese Bekannte schadet der Beziehung! Und der Mann sollte seine ganze intime und emotionale Energie auf seine Frau verwenden und sich mit ihren und seinen Bedürfnissen auseinandersetzen! Warum ist nur Penetrations-Sex für sie „richtiger“ Sex? Und warum kriegt er bei ihr keinen mehr hoch? Wo ist er von ihr verletzt oder missachtet worden? Was bräuchte er (von ihr), um wieder richtig scharf auf sie zu werden? Das sind die Fragen, die er sich in meinen Augen stellen und mit seiner Frau klären sollte…

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