Mein Mann kritisiert unseren Sohn (14) seit etwa zwei Jahren immer öfter. Bei uns hängt der Haussegen deshalb oft schief, denn ich kann dieses Rumnörgeln am Kind nicht leiden. Unser Sohn natürlich auch nicht. Er meidet das Gespräch mit seinem Vater zunehmend. Neulich ist er freihändig gefahren und hat dabei einen Poller gerammt. Wir mussten mit ihm ins Krankenhaus. Er war entsprechen zerknirscht – aber mein Mann musste auf dem Weg nach Hause unbedingt noch jede Menge Kritik an ihm loswerden. Ich weiß dann nicht, was ich machen soll. Ich kann ihm nicht ruhig zuhören bei dem was er sagt – dazwischengehen will ich aber auch nicht.
Ich fange mit der Kritik an Menschen mal an und sage kurz, was ich ganz grundsätzlich davon halte: Nichts. Überhaupt und gar nichts. Wenn Kritik funktionieren würde und aus Anderen bessere Menschen machen würde, dann immer her damit. Das ist aber nicht der Fall. Kritik macht uns andere Menschen zu Feinden. So deutlich muss man es ausdrücken. Unser Gefühlsleben hasst Kritik. Das Gefühlsleben Ihres Mannes hasst Kritik. Ihres ebenso. Und das Ihres Sohnes auch. Und deshalb rate ich ab.
Einen jungen Menschen zu kritisieren, dem völlig klar ist, dass er gerade einen Bock geschossen hat, das führt zudem auch noch zum glatten Gegenteil von dem, was Ihr Mann erreichen will. Vor der Strafpredigt war der junge Mann einsichtiger und zerknirschter. Danach war er es weniger.
Was Ihr Mann überschätzt, das ist zum einen der Einfluss, den wir Eltern auf unsere Kinder haben. Vierzehnjährigen muss man die Welt nicht mehr erklären. Sie haben ihre eigenen Ansichten. Für die müssen wir uns zunächst einmal interessieren. Ihr Mann hätte sich also dafür interessieren können, wie der junge Mann sich nach seinem freihändigen Abenteuer gefühlt hat. Schlecht vermutlich. Und dann hätte Ihr Mann erzählen können, wie er selber sich mal überschätzt hat, als er in dem gleichen Alter war wie Ihr Sohn. So ein Gespräch hat vermutlich auch Ihnen vorgeschwebt. Und nun sind Sie frustriert, von dem unempathischen Mann an Ihrer Seite. Ich kann das gut verstehen.
Vermutlich kennt Ihr Mann aus seinem Elternhaus nichts anderes. Er wiederholt das, was er selber erlebt hat. Das macht es nicht besser, aber verständlicher. Erklären Sie ihm bitte, dass Kritik nicht funktioniert. Und dann wenden Sie sich der Frage zu, was Sie beim nächsten Mal machen, wenn Ihr Mann zu einer Kritik anhebt. Denn das ist ja die eigentlich spannende Frage.
Was können Sie nun tun?
Ich will Ihnen einige Vorschläge machen, die ausgesprochen robust sind. Kritisiert er Ihren Sohn das nächste Mal, dann hat sein Verhalten Folgen. Sie gehen umgehend dazwischen und sagen in ruhigem Ton, dass er es sein lassen soll. „Keine Kritik!“ Es schadet nicht, wenn Sie Konsequenzen ankündigen. Sonst steigen Sie aus dem Auto aus. Oder Sie packen Ihre Tasche und gehen für ein paar Tage in ein Hotel. Oder Sie sagen in ruhigem Ton „Lass ihn in Ruhe!“.
Oder, und jetzt kommt die härteste Variante, Sie sagen ihm, dass Sie das nicht mehr aushalten: „Wenn du das nicht sein lässt, dann gehe ich.“ Das war die Kurzvariante. In der Langform lautet das in etwa so: „Ich liebe dich. Und ich will gerne mit dir zusammen alt werden. Aber wenn du das nicht sein lässt, dann gehe ich – weil ich es nicht aushalte.“
Ich habe schon viele Frauen in der Beratung gehabt, die durch die Kritik Ihres Mannes am Sohn (häufiger) oder an der Tochter (seltener) emotional so angegriffen waren, dass sie schon lange sehr unzufrieden mit der Beziehung waren und deshalb über eine Trennung nachdachten. Ehe sie nur heimlich darüber nachdenken, ohne dass Ihr Mann davon weiß, scheint es mir sinnvoller, wenn Sie es ihm offen sagen. Da die Regel „Keine Kritik!“ auch für Ihren Umgang mit Ihrem Mann gilt, sollten Sie sehr ruhig mit ihm sprechen. Sie erheben die Stimme nicht. Sie werfen ihm auch nichts vor. Sie sagen einfach was passiert, wenn er sein Verhalten nicht ändert.



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