Neulich habe ich (28) meinen neuen Freund (29) dabei erwischt, wie er eine von der KI generierte nackte Frau auf dem Bildschirm hatte. Sie hatte sich bereits nackt ausgezogen und lag auf einem Bett und unterhielt sich derweil recht anzüglich mit ihm. Ich war ziemlich schockiert. Aber ich war auch traurig, denn in den neun Monaten die wir zusammen sind, hatten wir noch nie richtig Sex. Er hat bei mir leider Erektionsprobleme und ich versuche schon lange, ihn zu einer Beratung oder Therapie zu bewegen. Ohne Erfolg. Was kann ich tun?

 

Ich hatte neulich auch meine erste Begegnung mit so einem AI-Girl. Sie war gerade einmal 22 Jahre alt und ich durfte mir sogar ihre Haarfarbe aussuchen. Natürlich auch die Körpergröße und die Hautfarbe und ob sie füllig oder schlank sein sollte. Sogar eine „Mutter eines Freundes“ im Alter von 52 Jahren stand auf der Webseite auf der ich mich befand zur Auswahl.

Für mich war es das erste AI-Girl, das ich zu Gesicht bekam. Das AI-Girl sah ganz hübsch aus, wirkte auf mich aber einigermaßen künstlich. Sie betonte unablässig, dass sie ganz tabulos sei und dass sie mir auch Fotos und Videos von sich schicken würde – wenn ich denn ein monatliches Abo für sie abschließen würde.

Was mich bei Ihrer Geschichte von Ihrem neuen Freund wundert ist, dass Sie nicht umgehend das Weite suchen, wenn Sie feststellen, dass Ihr neuer Partner nicht in der Lage ist, Sie erotisch zu begehren. Er hat bei Pornos und bei AI Girls eine Erektion – nicht aber bei Ihnen. Also wird er in Zukunft den Sex mit Ihnen meiden – das fühlt sich für ihn schlecht an. Männer hassen Erektionsprobleme. Und er wird den Sex mit dem AI Girl vorziehen. Bleibt die Frage: Wie werden Sie sich dabei fühlen?

 

Männer binden sich nur ganz selten an Frauen, die ihnen erotisch nicht gefallen

 

Die meisten Frauen beziehen die Unlust des Mannes mit der Zeit auf sich selbst. Das ist ein Fehlschluss. Männer binden sich nur ganz selten an Frauen, die ihnen erotisch nicht gefallen. Es ist aber trotzdem ein ganz verständliches Gefühl. Die Frage „Warum kann er bei diesem AI-Girl, aber nicht bei mir?“ wird sich Ihnen mit der Zeit immer lauter und lauter stellen. Hinzu kommt ja noch ein zweiter Punkt: Sie leben in einer Beziehung, in der Sie keinen Sex bekommen, zumindest keinen Sex, der so ist, wie Sie ihn sich wünschen. Dieser Verzicht lastet schwer auf Ihrer Beziehung. Und diese Last wird von Woche zu Woche und von Monat zu Monat als schwerer empfunden. Verständlich.

Was können Sie nun tun? Erstens müssen Sie von ihm eine völlige Porno-Abstinenz verlangen. Nur dann hat Ihr Liebesleben möglicherweise eine Chance. Das alleine reicht aber vermutlich nicht. Die Erektionsprobleme die Ihr Partner hat, resultieren nach meiner Erfahrung als Berater aus seinem Pornokonsum in der Vergangenheit. Viele junge Männer starten schon mit 11 oder 12 Jahren mit Pornos, haben aber auch mit 17 oder mit 22 oder mit 27 Jahren kaum oder keinen realen Sex. Sie verlassen sich auf ihre linke Faust, während die rechte Hand auf der Maus-Steuerung ruht.

Männer kommen auf diese Weise mit der Zeit zu einem völlig verqueren Bild von realer Sexualität. Sie lernen zudem nicht, dass Sex ein Dialog ist, ein Geben und Nehmen – weil sie kaum je ein Gegenüber haben.

 

Pornos sind ein Unterhaltungsformat – und alles andere als realistisch

 

Männer haben in der Folge überhöhte Anforderungen an sich, an ihren Penis, an sein Aussehen (er ist zu klein) und an seine Standhaftigkeit (er steht nicht so lange wie in Pornos). Sie halten das was sie in Pornos sehen, mit der Zeit also für real. Und sie verstehen nicht, dass das schlicht ein Unterhaltungsformat ist.

Um diese falschen Vorstellungen von Sexualität zu korrigieren und die überhöhten Erwartungen zu reduzieren, braucht Ihr Partner deshalb eine Sexualtherapie. Will er die nicht, dann kann ich Ihnen nur raten, sich so schnell wie möglich zu trennen.

Umgekehrt gilt für alle Männer die hier mitlesen und die selber einen erhöhten Pornokonsum und Erektionsprobleme kennen: Gehen Sie bitte nur dann auf die Suche nach einer Partnerin, wenn Sie sich in therapeutischer Begleitung befinden. Alles andere ist unseriös und führt zu einer Fülle von seelischen Verletzungen – auf beiden Seiten.

 

Reale Sexualität ist auf dem Rückzug in unserer Gesellschaft

 

Schauen wir mal, wohin uns diese AI-Girls noch so bringen. Reale Sexualität ist auf dem Rückzug in unserer Gesellschaft. Das ist schon seit zwei bis drei Jahrzehnten so. Ich fürchte, die AI-Girls werden den Prozess noch beschleunigen. Männer werden noch weniger in der Lage sein, Sex als einen Dialog zu begreifen. Sie erleben Sex ja nur als eine Form von Befehl und Gehorsam.

Nun wird der ein oder andere Leser unter diesem Text kommentieren, ich sei in dieser Frage zu altmodisch, zu konservativ und zu moralisch. Was daran altmodisch und konservativ sein soll, wenn ich für den realen Sex eintrete und für die positive Wirkung, die er für uns und unser Leben hat, das habe ich noch nie verstanden.

Das Argument mit der Moral aber akzeptiere ich. „Moralisch ist, was dem Individuum nutzt“ würde ich allerdings antworten. Wenn es Menschen nutzen würde, Pornos zu schauen und Abos für AI-Girls zu kaufen, dann immer her damit! Ich sehe das Leid und ich sehe es oft. Ich sehe junge Männer, die außerstande sind, eine freudvolle Sexualität zu erleben. Und ich sehe junge Frauen, die hoffen, das mit dem Erektionsproblem ihres neuen Partners werde sich bestimmt noch ändern. Und die dann nach ein oder zwei Jahren völlig frustriert aufgeben.

 

 

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