Die Liebesblogger

Meine Frau ist überzeugt von Verschwörungstheorien

Mich bewegt folgendes Problem. Meine Frau und ich streiten immer wieder. Sie ist überzeugt von Verschwörungstheorien, sei es das Pharmakartell und aktuell die „Corona-Diktatur“. Sie versucht mich mit ihren Argumenten zu überzeugen und ich habe natürlich meine Argumente. Wir kennen den sehr, sehr wichtigen Satz „ Ich habe meine Wahrheit und du deine und es ist nicht meine Aufgabe dich von meiner Wahrheit zu überzeugen“. Aber trotzdem spüren wir, wie wir uns oft weit von einander „bewegen“ und wir auch den Eindruck haben, dass wir uns auch im partnerschaftlichen Leben, auf Grund dieser Differenzen entzweien. Was können Sie uns raten? Wir sind seit 30 Jahren verheiratet.

 

Ich kenne ein Paar, dass seit 20 Jahren glücklich verheiratet ist. Sie wählt die Grünen, er ist Mitglied in der CDU. Zugegeben, das ist heute nicht mehr so ungewöhnlich, die beiden Parteien haben sich einander angenähert. Aber vor 20 Jahren war es das. Es war sehr ungewöhnlich. Jetzt kommt das besondere an den beiden: Sie hatten in 20 Jahren nicht einen einzigen politischen Streit.

Wie geht das? Die Antwort lautet: Mit Respekt. Jeder muss die Meinung des anderen respektieren. Und dann müssen sich beide den angenehmen Seiten ihrer Partnerschaft zuwenden.

Fangen wir mit dem ersten Punkt an. Dem Respekt. Ihre Frau respektiert ihre Überzeugung nicht – stattdessen versuchen sie, Sie zu überzeugen. Das ist aber nicht möglich. Menschen  wollen nicht überzeugt werden. Sie wollen verstanden werden. Wie geht es Ihrer Frau derzeit? Wie fühlt sie sich angesichts der massiven und mittlerweile zum Glück abflauenden Corona-Panik da draußen? Immerhin hatten wir es phasenweise mit 95 Prozent Panik und 5 Prozent Corona zu tun (in meinen Augen). Ihrer Frau fehlt Verständnis.

 

To agree to disagree

 

Das ist auf Ihrer Seite nicht anders. So lange Sie beide davon ausgehen, dass Sie den anderen überzeugen müssen, bevor Sie wieder glücklich sein können, wird Ihre Beziehung weiterhin schwierig verlaufen. Ich rate Ihnen zu einer Umkehrung: Wenden Sie sich den angenehmen Seiten Ihrer Beziehung zu. Machen Sie Ausflüge. Gehen Sie wandern. Fahren Sie Fahrrad. Lachen Sie zusammen. Küssen Sie sich. Umarmen Sie sich (das hat die Regierung uns ja zum Glück zu keinem Zeitpunkt verboten). Und haben Sie Sex. Und bei manchen schwierigen Themen muss man sich darauf einigen, dass man sich nicht einigen kann. Das nennt die Diplomatie „to agree to disagree“.

Wenn Sie das alles tun, dann werden die politischen Fragen unwichtiger. Gibt es in Deutschland ein Pharma-Kartell? Die Pharma-Industrie hat massive Interessen die sie mit Milliarden an Euros für Werbung und die Beeinflussung von Ärzten durchzusetzen versucht. Aber darüber muss man sich doch mit seiner Frau nicht streiten! Dass die Corona-Krise zu einer massiven Beschränkung demokratischer und persönlicher Rechte geführt hat  und dass viele dieser Beschränkung fragwürdig sind, das sagt nicht nur ihre Frau, das sagt auch der Deutsche Ethikrat und viele Politiker ebenso.  Aber darüber muss sich doch niemand mit seiner Frau streiten!

In vielen Fragen des Lebens gibt es kein Richtig und kein Falsch, sondern einfach unterschiedliche Überzeugungen. Das ist in jeder Partnerschaft so. Was könnten Sie noch tun, außer sich zu einigen, dass Sie unterschiedlicher Meinung sind? Sie könnten sich mehr füreinander interessieren. Die entscheidende Frage einer guten Ehe lautet nicht „Wer ist im Recht?“ Sie lauten vielmehr: „Wie geht es dir heute?“ und „Was kann ich für dich tun?“ Ich vermute, dass Sie beide das schon seit einer Weile nicht mehr hinreichen tun.

Konzentrieren Sie sich bitte hierauf. Und dann umarmen Sie sich – und machen einen Spaziergang. Oder wonach Ihnen ist. Hauptsache, es tut Ihnen gut.

 

Foto: Paul-Friedrich Thiel

Christian Thiel arbeitet als Single- und Paarberater in Berlin.

(singleberater.dedie-liebe-bleibt.de)

 

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Von Christian Thiel gibt es auch das gratis ebook „Die Liebe und ihre Feinde. Wie Partnerschaft gelingt.“ Zum Download geht es hier.

 

3 Kommentare

  1. M. K.

    In meinem Fall ist der Mann Anhänger von Verschwörungsmythen. Er hatte sich so reingesteigert, dass er mir sagte, dass Trump der beste Präsident sei, den man sich wünschen könne und dass die Frau Merkel aufgehängt gehört und er dabei stehen und abplaudieren wolle. Die Weltherrschaft werde jetzt vom Militär übernommen und es käme wieder eine Monarchie, in der es uns allen besser gehen würde. Er sagte mir schon früher, dass er Mitte-rechts orientiert sei, ich grün-links. Dies sind nicht wirklich übereinstimmende Richtungen und dennoch waren wir 2 Jahre glücklich zusammen in einer Fernbeziehung (200 km) und hatten uns wegen Corona 8 Wochen nicht gesehen. Vom einst liebevollen Menschen ist nicht mehr viel übrig geblieben. Er zog sich in den letzten Wochen immer mehr zurück, befasste sich mit den V-Videos und ihn störte immer mehr an mir, bis es schließlich zum Bruch kam. Wie kann ein Mensch sich derart wandeln? Ich kann das alles nicht nachvollziehen, dass das, was unsere persönliche Beziehung ausmachte, bei ihm immer mehr in den Hintergrund trat und er sich innerlich von mir entfernte. Nun sind wir getrennt und mir bleiben nur?????.

    • Christian Thiel

      Von Respekt ist bei Ihrem Partner bzw. Ex-Partner nun wirklich nichts mehr zu spüren. Vor allem die Gewaltphantasien gegenüber Politikern bzw. Politikerinnen beunruhigen mich selber auch. Da steckt unglaublich viel Wut dahinter. Ich bedauere das, es ist aber vermutlich in Ihrem Fall nicht zu ändern.
      Was wir durchleben, das ist eine Krise, wie wir sie seit dem 2. Weltkrieg nicht mehr hatten. Krisen können Menschen verunsichern, erschüttern und auch verändern. Manchmal werden Menschen zum Positiven verändert. Sie erkennen in einer Krise, was wirklich zählt im Leben. Das habe ich in der Beratung bei einigen Paaren und Singles so erlebt. Andere verändern sich zum Negativen. Niemand kann das vorher wissen. Verliert jemand die Arbeit, dann ist es allerdings wahrscheinlich, dass er frustriert nach einem Schuldigen sucht.
      Im Grundsatz ist es bei der Partnerwahl immer gut, auf Übereinstimmungen zu achten. Das gilt vor allem für den Charakter, kann aber auch bei weltanschaulichen Fragen wichtig sein.
      Eine letzte Idee: Manchmal gibt es auch Schönwetter-Beziehungen, die sehr gut laufen, so lange es keine Probleme gibt. Sobald die aber auftauchen, wird es schwierig.

      • M. K.

        Lieber Herr Thiel, ich hatte in meinem 1. Kommentar versäumt, Ihnen zu danken, dass Sie genau diese Thematik zur Sprache brachten, denn ich fühlte mich im Umgang mit dieser in der Partnerschaft ratlos. Auch vielen Dank für Ihre Antwort. Mein Partner und ich hatten viele persönliche Übereinstimmungen, auch in unserem uns beiden wichtigen Hobby. Er war liebevoll und warmherzig und liebte zärtliche Nähe und kleine Berührungen im Alltag genau wie ich. An der Politik rieben wir uns, konnten aber unsere Meinungen so stehen lassen. Vor einem Jahr fing er von heute auf morgen nach 18 Jahren des Nichtrauchens wieder das Rauchen an, obwohl er wusste, dass ich es nicht vertrage. Er blieb bis jetzt dabei, raucht eher noch mehr und empfand mich als „uncool“, wenn ich nicht zu den Rauchern dazu stand (Ich war vor 2 Jahren krebskrank. ) . Ja, Sie haben recht, Herr Thiel…. Vieles hat mit Respekt zu tun.
        Ich muss dazu sagen, dass mein ehemaliger Partner 59 Jahre alt ist und ich 60. Wir haben also viel Lebenserfahrungen gesammelt.
        Er lebt mit seinen fast erwachsenen Kindern zusammen und ich allein. Ich habe zwar keine Probleme mit dem Alleinsein, doch die Corona-Zeit stellte unsere Fernbeziehung auf eine harte Probe. In dieser Krisenzeit sprechen alle von Zusammenhalt und Solidarität und ich hatte das Gefühl, mich noch nie so einsam gespürt zu haben wie die letzten 8 Wochen. Gerade, wenn man Nähe braucht…. über Skype, Telefon etc…. und ich selbst sehr oft den Anfang machen musste, um wieder Kontakt zu ihm herzustellen und dann in die Verschwörungsthematik verwickelt zu werden, das kostete mich unheimlich Kraft und zurück blieben negative Bauchgefühle anstatt gegenseitige Stärkung. Ich habe mir die V-Theorien angehört, und mich hat seine Haltung sehr verstört…. und ich kann in mir das Gespür für den Menschen, den ich glaubte, zu lieben, kaum mehr wiederfinden. Es fühlt sich sehr befremdlich an. Es bleibt eine große Leere zurück und auch Ent-täuschung. Ich versuche, mich zu reflektieren,… aber das führt hier thematisch zu weit. Gerne würde ich mal ein Gespräch mit Ihnen führen, um mich und meinen eigenen Anteil am Ganzen besser erkennen zu können.
        Herzliche Grüße!

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