Die Liebesblogger

Eine Liebe in Marokko

Ich (29) habe meinen Freund vor einem Jahr kennengelernt, weil ich hier in Marokko einen Arabisch-Intensivkurs gemacht habe. Ich verliebe mich eigentlich überhaupt nicht schnell und hatte bei ihm plötzlich nur noch die Frage im Kopf: Ist das mein Mann fürs Leben? Zurück in Deutschland habe ich ihm von meinen Gefühlen geschrieben. Für vier Monate standen wir über WhatsApp im Austausch, in sehr langen, sehr vielen, sehr verlässlichen Textnachrichten , Sprachnachrichten und schließlich auch in Anrufen. Dann habe ich eine Stelle bei einem deutschen Unternehmen in Rabat angenommen. Seither sind wir ein Paar.

Natürlich waren wir aufgeregt und glücklich. Aber selbst auf der sprachlichen Ebene müssen wir uns anstrengen. Wir sprechen vor allem Hocharabisch, in dem ich aber natürlich eine große Herausforderung und ein riesiges Entwicklungsfeld habe. Mein Partner muss jedes Geldstück mehrfach umdrehen und lebt extrem bescheiden, da er wenig verdient und seine Familie auch auf Unterstützung angewiesen ist. Teilweise habe ich ihm auch Geld gegeben. Im Januar endete seine Arbeit an der Sprachschule. Seither hat er durch Einzelunterricht nur sehr unregelmäßige und geringe Einkünfte. Wenn er welche hat, zahlt er Lebensmittel mit, ansonsten lebt er von geliehenem Geld von Freunden oder von mir. Wir haben wenige soziale Kontakte. Außerdem ist es mit Freundschaften auch sprachlich recht schwierig , weil ich den Dialekt hier kaum beherrsche. Wir sind zwei Menschen, die mit ihren Kräften am Limit sind. Ich will nicht, dass er abhängig von mir ist und doch ist er es ja eh schon – wie sollte er Miete, Strom, Essen bezahlen? Inzwischen merke ich oft was mir fehlt und kann ihm das nur schwer vermitteln.

 

Sie haben bei Ihrer neuen und noch immer recht frischen Beziehung einige rote Flaggen übersehen. Die erste lautet: Verliebe dich nie aufgrund von Mails, Chats oder per Telefon, sondern nur in der Realität. Nur dort zeigt sich wirklich, welche Vor- und welche Nachteile ein möglicher Partner hat.

Die zweite Schwierigkeit ist die Sprache. Beziehungen erfordern Kommunikation und damit gute sprachliche Fähigkeiten. Moderne Beziehungen erfordern noch mehr davon – da wir heute in Partnerschaften weniger auf Traditionen zurückgreifen als unsere Eltern oder Großeltern. Wir verhandeln mögliche Lösungen. Bikulturelle Beziehungen haben den höchsten Gesprächsbedarf, da beide Partner sehr unterschiedliche Werte und Normen haben. Gibt es hierfür keine gemeinsame Sprache, dann wird es schwierig. In Ihrem Fall ist eine Verständigung leider nur bedingt möglich. Und das hat Folgen für die Liebe.

 

Jeder Umzug führt zu einem Verlust an sozialen Kontakten

 

Nun kommt die dritte rote Flagge. Ihre Beziehung hat den Umzug in ein anderes Land vorausgesetzt. Jeder Umzug führt zu einem Verlust an sozialen Kontakten und damit zu einem Verlust an sozialem Halt. Das macht Ihnen verständlicherweise zu schaffen. Hinzu kommen die hohen Anpassungsleistungen, die ein Leben in einer anderen Kultur nach sich zieht. Und neue Kontakte sind ohne Sprachkenntnisse kaum möglich.

Den in meinen Augen schwierigsten Punkt für Ihre Beziehung habe ich an den Schluss gesetzt. Er lautet: Ist die Frau dem Mann wirtschaftlich überlegen oder gar deutlich überlegen, bekommt die Beziehung häufig eine Schieflage. Das ist auch bei mitteleuropäischen Paaren so.

Ich weiß dass junge Frauen heute denken, diese Regel gäbe es nicht mehr. Sie findet sich in der Beratung allerdings auch in Ihrer Altersgruppe wieder und wieder. Das sind alte Zöpfe, das ist mir klar. Aber nach meiner Erfahrung sind Männer die Ihren Partnerinnen wirtschaftlich unterlegen sind oft sehr schlechte Partner.

 

Wird der Mann arbeitslos, rutscht die Beziehung in die Krise

 

Gibt die Frau dem Mann Geld, dann wird es in der Regel besonders schwierig. Das Ego des Mannes reagiert beinahe immer negativ. Er kommt mit dem wirtschaftlichen Gefälle schlecht zurecht. In aller Regel leidet die Erotik eines Paares unter dieser Situation ganz besonders. Die Sexualität wird deutlich seltener oder schlechter. Oder beides. Und das übt wiederum Druck auf die Beziehung aus.

Leider kommt in Ihrem Fall noch ein weiterer Warnhinweis neueren Datums hinzu: Er lautet: Wird der Mann arbeitslos, rutscht die Beziehung in die Krise. Die finanzielle Abhängigkeit Ihres Partners vergrößert sich auf diese Weise noch einmal. Ihr Partner braucht dringend ein verlässliches Einkommen, damit er sich auf Augenhöhe fühlen kann.

Mir ist bewusst, dass ich mit meinen Anmerkungen zu Ihrer Partnerwahl kaum einen Beitrag leiste, um Ihre Lage zu vereinfachen. Aber nicht nur Kulturen und Sprachen folgen Regeln – auch die Liebe tut es. Beim Lesen Ihrer Zuschrift hat mich eine Frage ganz besonders beschäftigt, eine Frage, die Sie selber allerdings nicht aufgeworfen haben. Sie lautet: Warum haben Sie sich zu so einer extrem schwierigen Liebe entschieden und dabei viele Regeln, die es auch für die Liebe gibt, einfach ignoriert?

 

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2 Kommentare

  1. Katharina

    Sehr, sehr gute Antwort, Herr Thiel! Sehr prägnant alles klar benannt. Mir hat mal vor langer Zeit eine Psychologin erläutert, warum Menschen solche Beziehungen (Fernbez. oder solche mit starken kulturellen Unterschieden): Es ist die Angst vor Intimität bei gleichzeitigem Kontrollbedürfnis. Alles ist so schön simpel und überschaubar, keiner der Beteiligten muss Tiefgang fürchten.

    Ich verstehe aber auch nicht, warum zu viele Frauen immer noch so naiv sind und sich für „empowered“ halten, wenn sie den Mann durchfüttern. Das männliche Ego sinnt (bewusst oder unbewusst) tief im Innersten immer auf Rache für diese schmähliche Demütigung.

    Beide Partner sollten wirtschaftlich alleine klar kommen. Auch Frauen, die den Wert eines Mannes nach seinem Einkommen messen (was sie ja gar nichts anzugehen hat), geht es um Kontrolle.

    Wenn er sich selbst versorgen kann, ist das alles was eine Frau zu interessieren und anzugehen hat.
    Alles andere ist eine Geschäftsbeziehung und hat mich Liebe rein gar nichts zu tun.

    • Christian Thiel

      Angst vor Intimität bei gleichzeitigem Kontrollbedürfnis – das hat die Psychologin sehr gut auf den Punkt gebracht.
      Die Idee mit dem „Empowerment“ macht mir als Berater derzeit auch zunehmend Sorgen. Unterschreibt die Frau einen Ehevertrag, nachdem alles Geld das er verdient ihm gehört (sie bleibt zu Hause und kümmert sich um die Kinder; sie kümmert sich um das Haus; sie hilft ihm beim Aufbau einer Firma), dann ist sie der Überzeugung, das sei irgendwie feministisch, wenn sie keinerlei Ansprüche auf das Geld erhebt, das auf diese Weise reinkommt. Dabei ist es schlicht unfair.

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