Meine Frau und ich (Mitte 60) sind seit 43 Jahren verheiratet und haben zwei Kinder, Enkelkinder und auch einen guten Freundeskreis. Wir haben insgesamt – mit Höhen und Tiefen – einen harmonischen Alltag und sind über Vieles gut im Gespräch. Schwierig läuft es allerdings in der Sexualität. Derzeit gibt es ihn gar nicht und auch Alltagszärtlichkeiten sind selten. Wir haben in den letzten zehn Jahren zwei Mal eine Paartherapie gemacht. Beide Male wurde es besser zwischen uns und es gab deutlich mehr körperliche Nähe. Inzwischen ist davon aber kaum noch etwas geblieben. Meine Frau schiebt es auf die Wechseljahre und meint, sie kommt auch ohne Sex zurecht. Ich bin inzwischen so unglücklich, dass ich überlege, die Sexualität außerhalb der Ehe zu suchen. Trennen will ich mich nicht, weil ich damit zu viel verlieren würde.

 

Gegen eine Auslagerung der Sexualität haben viele nichts einzuwenden. Allerdings muss ich sie auf zwei grundlegende Probleme bei diesem Konzept hinweisen. Erstens sollten Sie mit offenen Karten spielen. Sie belügen Ihre Frau also nicht über das, was Sie planen. Und auch nicht über das, was Sie tun.

Das zweite Problem ist deutlich schwieriger und größer. Rein sexuelle Beziehungen ohne ein hohes Maß an Sympathie sind sehr schwer zu führen. Ich will es noch zuspitzen: Entweder verlieben sich die Beteiligten ineinander – oder sie entwickeln zumindest ein hohes Maß an Gefühlen füreinander. Kurz: Es entsteht oft das, was nicht geplant war, eine zweite Liebe.

 

Ich kann Ihnen von dem Konzept, zwei Frauen zu haben, nichts Gutes berichten

 

Mir ist bewusst, dass Sie das nicht anstreben. Ich kann Ihnen von dem Konzept, zwei Frauen zu haben, allerdings auch nichts Gutes berichten. In der Regel fühlen sich Männer in so einer Situation völlig zerrissen. Ihnen fehlt kurz gesagt, das zu Hause. Zwei Frauen sind weniger als eine.

Das Spannende an ihrer Frage ist die Tatsache, dass Sie die Lösung im Grunde bereits mitbringen. Sie haben es in der Vergangenheit zweimal – erfolgreich – mit einer Paartherapie versucht. Es hat auf Dauer nicht genügt. Gut möglich, dass Sie das als eine Niederlage ansehen. Ich sehe das anders. Es ist das Eingeständnis, es alleine nicht hinzubekommen, ja. Aber das ist nicht ehrenrührig. Es ergeht vielen Menschen so wie Ihnen.

 

Auch andere Menschen brauchen Hilfe, um das Leben gut hinzubekommen

 

Der berühmteste Psychotherapeut der Welt, Irvin Yalom, ist vor ein paar Jahren mit 88 Jahren noch einmal in eine Therapie gegangen. Er hatte schon so um die vier Therapien hinter sich – und ging ganz selbstverständlich in eine fünfte. Der Anlass war der Tod seiner Frau nach 63 Ehejahren. Neulich hat er wieder geheiratet – mit 93 Jahren. Sie sehen, auch andere brauchen Hilfe, um das Leben gut hinzubekommen. Und Sie sehen: Das Leben geht weiter auch nach einer erzwungenen Trennung. In dem Punkt scheinen Sie mir etwas zu pessimistisch zu sein.

Sie haben mit Ihrer Frau etwas erreicht, was heute nicht mehr vielen Paaren gelingt – über vier Jahrzehnte zusammen zu sein und zusammenzuhalten. Mir scheint, eine dritte Paarberatung oder Paartherapie eine gute Lösung zu sein. Gut möglich, dass sie wiederum hilft.

Die spannende Frage ist für mich allerdings: Was fehlt Ihrer Frau? Das geht aus Ihrer Zuschrift nicht hervor. Sie wird ebenso wenig glücklich sein. Sie selber registrieren den fehlenden Sex – so wie die meisten Männer es tun. Männer sagen nach einer Trennung: Es gab zu wenig Sex. Viele denken auch, der fehlende Sex sei das Problem gewesen. Ich sehe das anders. Der wenige Sex ist nicht das Problem selber. Er ist vielmehr der Punkt, an dem Männer am deutlichsten spüren, dass etwas nicht stimmt in ihrer Beziehung. Er ist Ausdruck einer tiefergehenden seelischen Entfremdung. So wie bei Ihnen und Ihrer Frau.

 

Sie haben eine Ehekrise

 

Frauen sagen nach einer Trennung üblicherweise, es hätten gute Gespräche gefehlt. Auch das ist nur die Beobachtung von Symptomen. Beide Geschlechter sagen, was Ihnen jeweils am meisten aufgefallen ist. In meinen Augen hat hier nicht eine Seite recht und die andere hat Unrecht. Beide Sichtweisen stimmen in gewisser Weise – und greifen doch zu kurz.

Sie haben, nach allem was ich davon verstehe, eine Ehekrise. Ehekrisen sind davon gekennzeichnet, dass zwei Menschen unglücklich sind – nicht einer. Zwei Menschen sind emotional unterversorgt – nicht einer. Und zwei Menschen fehlt in der Regel auch Anerkennung und Wertschätzung.

Gelingt das Vorhaben einer Wiederannäherung über eine erneute Paarberatung aber nicht, können Sie immer noch darüber nachdenken, ob Sie das Risiko eingehen, die Sexualität auszulagern. Oder ob Sie sich doch ganz neu orientieren.