Mein Mann (42) will schon seit ein paar Jahren kaum noch Sex mit mir. Am Wochenende stand ich heulend in der Küche vor ihm, weil wir nun schon seit fünf Monaten nicht nur keinen Sex hatten. Es gab auch keine Zärtlichkeiten irgendwelcher Art. Ich kann so nicht mehr leben. Im Grunde bleibe ich nur wegen der Kinder. Warum macht er das?

 

Das klingt wirklich sehr traurig. Menschen kommen mit „kein Körperkontakt“ nur sehr bedingt zurecht. Nun fragen Sie mich, warum er es macht. Diese Frage kann ich Ihnen nicht beantworten. Die Warum-Frage ist eine der am schwersten zu beantwortenden Fragen überhaupt. Und ganz ehrlich: Die Antwort nutzt Ihnen auch nur bedingt. Sie wollen, dass sich das ändert. Zurecht. Die Frage ist also: Wie lässt sich das ändern?

Paare geraten oft in solche sexlosen Zeiten, weil sie enttäuscht voneinander sind. Sie geraten in sie, weil sie zu viel Stress haben im Alltag. Sie geraten in sie, weil sie nur noch funktionieren, sich um die Kinder und das Haus kümmern – aber nicht mehr umeinander. Sie geraten in sie, weil sie in der Kindererziehung immer wieder heftig aneinandergeraten. Sie geraten in sie, weil beide sich beruflich verwirklichen wollen und deshalb darum kämpfen, wer sich wie viel um die Kinder kümmert. Sie geraten in sie, weil die Frau sich entscheidet, dem Mann zuliebe auf ihre berufliche Verwirklichung ein Zeitlang zu verzichten – und anschließend mit dieser Entscheidung unglücklich ist.

Und sie geraten in sie, weil sie sich bei alledem zu viel kritisieren.

Ich habe jetzt nur die wichtigsten Gründe für partnerschaftliches Unglück aufgezählt. Es gibt natürlich noch viele, viele mehr. Sie können jetzt überlegen, welche bei Ihnen beiden zutreffen. Sie können diese Gründe auch Ihrem Mann vorlesen und ihn fragen, was er darüber denkt.

Der häufigste Grund, warum sich Männer vom Sex zurückziehen, ist die Kritik. Sie fühlen sich zu oft kritisiert. Ich habe noch keinen Mann in der Beratung erlebt, der das so zugegeben hat. Lieber gehen sie zum Urologen und klagen über zu wenig Lust oder über Erektionsprobleme. Und dann wollen sie Hormone und die blaue Pille. Das ist für sie die Lösung.

 

Was zumeist helfen würde, das ist mehr Zuwendung

 

Ich sehe das anders. Was zumeist helfen würde, das ist mehr Zuwendung. Paare mit Kindern haben einen unglaublich anstrengenden Job. Sie haben sehr wenig Zeit und ständig eine To-do-Liste im Kopf. Das was es in dieser Situation braucht, das ist Anerkennung, Wertschätzung, Respekt. Wir müssen uns gegenseitig den Rücken stärken. Täglich. Und wir müssen uns bestätigen, dass wir es gut hinbekommen haben. Fällt diese Form der Positivität aus, dann fühlen sich Ehen wie die Ihre schnell wie ein Schlachtfeld an. Jeder kritisiert jeden. Und keiner gibt dem anderen, was der gerade dringend braucht.

Wir brauchen aber auch mehr Gespräche, bei denen wir über uns selber reden, über unsere Gefühle. Die Einsamkeit (und in der Folge die Lustlosigkeit in Beziehungen) besteht oft daraus, dass wir uns für die Gefühle der Gegenseite nicht mehr interessieren. Das ist erklärungsbedürftig. Sind wir verliebt, bestätigen wir uns unablässig, wie toll wir uns finden. Verliebte haben ein lockeres Leben. Keine Kinder, viel Zeit miteinander, ein hohes Maß an Zuwendung. Wir interessieren uns auch ständig dafür, welche Gefühle den Andere bewegen. Zudem kritisieren sich Verliebte auch kaum jemals. Sie leben so gesehen im Paradies.

Im Alltag einer Ehe mit zwei Jobs, zwei Kindern, einem Hund und einem Haus, kann sich das alles mehr und mehr verändern. Beide Partner sind weniger aufmerksam. Beide überlasten sich nach meiner Erfahrung in der Beratung auch in vielen Fällen enorm. Da müssen zusätzlich zur den genannten Verpflichtungen noch die Eltern regelmäßig besucht werden, da werden alte Häuser gekauft, deren Sanierung Zeit, Nerven und viel Geld kosten – was den Stress in einer Beziehung enorm erhöht. Oder es wird zusätzlich zum sehr gut bezahlten Vollzeitjob noch eine Extra-Arbeit angenommen. Und das alles hat Folgen für die Beziehung.

Studien in Los Angeles kamen zu dem Ergebnis, dass junge Paare mit zwei Kindern im Durchschnitt noch sieben Minuten in der Woche über persönliche Themen miteinander sprechen. Oft spricht die Frau mit ihren Freundinnen viel mehr, als mit ihrem Mann. Und der Mann spricht mit der netten neuen Arbeitskollegin mehr über sich, als mit seiner Frau. Sie sehen – hier läuft etwas aus dem Ruder.

 

Eine seltene Sexualität lässt eine Beziehung noch unglücklicher werden

 

Dass bei alledem die Sexualität leidet, das ist nicht zu vermeiden. Das Problem ist: Eine seltene oder eine schlechte Sexualität lässt eine Beziehung noch unglücklicher werden. Fünf Monate ohne Sex und auch ohne Berührungen, das ist ein Warnhinweis. Ich hätte Ihnen nach fünf Wochen schon geraten, in Tränen auszubrechen oder nach fünf Tagen. Möglicherweise schlucken Sie da mehr herunter, als gut ist und als es eine Beziehung verträgt.

Ihre Beziehung ist unglücklich. Daran kann es keinen vernünftigen  Zweifel geben. Sie können in eine Beratung gehen, um das zu ändern. Sie können auch die vielen Punkte durchgehen die ich genannt haben und die zu einer schlechten Ehe führen, und können sich überlegen, was sich ändern muss, damit sie wieder ein gutes Paar sind. Sie können auch eine klare Ansage machen: So kann ich nicht mehr weiter leben.

Viele Männer sind nur zu Veränderungen bereit, wenn die Frau die Beziehung verlassen will. Ich bedauere das, kann es aber nicht ändern. Schon viele Frauen haben ihre Ehe gerettet, weil sie klar gesagt haben, dass sie die Beziehung so nicht mehr weiterführen wollen und können. Ich kann Ihnen nur raten, in dieser Frage sehr deutlich zu werden. Nicht laut im Gespräch, nicht vorwurfsvoll im Ton. Das alles hilft nicht. Aber deutlich.