Herzenssache

Die Liebesblogger

Was der Rosenkrieg mit unseren Kindern macht

GASTBEITRAG

-von NADJA VON SALDERN-

Aus jeder sexuellen Verbindung können Kinder entstehen, jeder und jede kann Mutter oder Vater werden. Fürs Kinderkriegen gibt es keinerlei Beschränkungen, keine Ausbildung, keinen Tauglichkeitsnachweis und keinen Führerschein. Wir verlassen uns dabei in aller Regel auf unsere Intuition, richten uns nach Vorbildern, lesen vielleicht noch Erziehungsratgeber, aber ob wir als Eltern tatsächlich geeignet sind und halbwegs vernünftig Kinder großziehen können, das erweist sich erst im Alltag.

Kinder kommen ungeschützt auf die Welt und vertrauen ihren Eltern blind. Sie brauchen zum Gedeihen eine liebevolle, stabile Umgebung, in der sie sich geborgen fühlen. Sie brauchen eine ausgewogene Ernährung, eine gute Erziehung, den nötigen Rückhalt und vor allem die Wahrnehmung und Erfüllung ihrer Bedürfnisse, um sich selbst ein Bild von der Welt machen und eine sichere Bindung zu ihrer Umwelt aufbauen zu können. Dieser Rahmen ist in einer liebevollen und intakten Partnerschaft der Eltern am ehesten gegeben. Aber auch bei in Frieden lebenden getrennten Eltern können die Kinder durchaus glücklich aufwachsen.

Streit hingegen, ob nun innerhalb einer Partnerschaft oder nach der Trennung, verunsichert das Kind und raubt ihm den stabilen Rahmen. Dann muss es sich selbst darum kümmern und kann sich nicht mehr auf seine eigene Entwicklung konzentrieren, wofür es enorm viel Kraft braucht. Damit aber ist ein Kind hoffnungslos überfordert. Es wird traurig, schwach und fühlt sich alleingelassen. Ganz gleich, wie alt es ist. Je jünger das Kind und je größer die Konflikte, umso weniger kann sich das Kind dagegen wehren. Wie ein Baum, der an einer falschen Stelle gepflanzt wird, kann es nicht gut gedeihen und wachsen, wenn das Umfeld nicht stimmt. Wie der Gärtner für den Baum, so sind wir als Eltern dafür verantwortlich, optimale Bedingungen für unsere Kinder zu schaffen. Das bedeutet nicht, dass alles einfach und leicht gehen muss. Ganz im Gegenteil: Schwierigkeiten und Schmerzen gehören zum Leben dazu und machen uns stark. Doch können Eltern, die dauerhaft streiten, weil sie sich nicht friedlich trennen, den Bogen schnell überspannen.

 

 

Wie das Ego den Blick auf die Kinder verstellt

 

Für das Kindeswohl ist entscheidend, dass wir das Kind im Blick haben.

Ein Kind kehrt vom Mutterwochenende zum Vater zurück. Das Kind berichtet, dass da ein Mann bei Mama war. Der hätte die Mama auch geküsst und in die Arme genommen. Der Vater brüllt sofort los. »Wie kann Mama das machen? Das ist ja unglaublich. Das kann ich nicht durchgehen lassen. Ich rufe sie sofort an. Wir hatten vereinbart, dass du dem neuen Mann nicht begegnest.« Nach diesen Worten lässt er das Kind stehen, um die Mutter anzurufen.

Die Mutter hatte ihr Kind nicht im Blick, als sie ihm den neuen Partner zugemutet hat, ohne Absprache mit dem Vater und ohne Vorbereitung. Aber auch der Vater hat sein Kind nicht im Blick. Es wäre besser gewesen, er hätte zuerst das Kind versorgt, mit ihm geredet, wie es ihm geht, ihm zugehört und es ausreden lassen. Die eigenen, zugegebenermaßen schlimmen Gefühle müssen zunächst außen vor bleiben, bis das Kind versorgt und beruhigt ist. Dann erst ist der Vater an der Reihe, kann die Mutter anrufen und sich aufregen.

Ich bin immer wieder überrascht, wie viele Eltern der Meinung sind, ganz im Sinne ihrer Kinder zu handeln, dies aber definitiv nicht tun. Interessanterweise zeigt sich das genau dann, wenn jeder Elternteil »für die Kinder« spricht. »Die Kinder mögen die Stiefmutter einfach nicht. Sie sind immer total verwirrt und unruhig, wenn sie von ihr zurückkommen. Ich spüre, dass diese Umgebung ihnen mehr schadet als nützt. Das sagen sie mir auch immer wieder so.« So der Kommentar der Mutter. Spricht man dann mit dem Vater, kommen ganz andere Aussagen. »Sie lieben ihre Stiefmutter. Sie sitzen die ganze Zeit auf ihrem Schoß und wollen mit ihr zusammen sein. Sie ist eine echte Bereicherung für die Kinder.«

In diesem Fall glauben beide Eltern, sie wüssten, was den Kindern guttut und was nicht. Sie wüssten, was die Kinder wollen. Letztlich aber haben beide nicht recht, sondern denken nur, es zu wissen, und dabei projizieren sie unbewusst ihr eigenes Wunschdenken auf die Kinder und benutzen diese für ihre eigenen Zwecke. Die Frau sehnt sich danach, die einzig wahre Mutter zu bleiben, der Mann möchte seine zweite Frau als gute Ersatzmutter platzieren. Dieser Streit kann alle lange in Schach halten.

Die Kinder tatsächlich im Blick zu haben hieße für die Mutter: Hoffentlich können die Kinder die neue Frau wirklich lieb haben, denn dann geht es den Kindern besser, wenn sie beim Vater sind. Die Kinder tatsächlich im Blick zu haben hieße für den Vater: der Mutter der Kinder stets liebevoll zu begegnen und ihr zu sagen, dass sie eine großartige Mutter ist und als solche immer die Nummer eins bleiben wird. Dann können die Kinder beruhigt und getrost die Stiefmutter mögen und müssen keine Angst haben, dass sie dadurch die Mutter verletzen. Mutter bleibt immer Mutter. Da kann niemand etwas daran ändern. Aber auch die neuen Partner brauchen einen guten Platz im Leben der Kinder.

 

 

Schuldgefühle

Eines der interessantesten Phänomene ist für mich nach wie vor, dass Kinder die Schuld für die Krisen ihrer Eltern auf sich nehmen. Die Eltern haben es nicht im Griff, und die Kinder fühlen sich schuldig. Sie machen sich auf die Suche nach einer Erklärung für die schlechte Stimmung zu Hause.

Die Eltern sind gut. Davon muss das Kind ausgehen, denn das ist existenziell. Wenn die Eltern aber gut sind, dann können sie nicht gleichzeitig schlecht sein. Dann gibt es für das, was da gerade in der Familie passiert, also für die Trennung und den Rosenkrieg, nur eine einzige Erklärung für das Kind: Ich muss schuld daran sein. Wenn die Eltern so unglücklich sind, dann muss es wohl an mir liegen. Dieser Schuldübernahme kann man begegnen, indem man den Kindern immer wieder versichert, dass sie keine Schuld trifft und dass sie die tollsten Kinder der Welt sind.

Nicht ganz so einfach ist es, wenn das Kind aus Loyalität die Schuld übernimmt. Kinder lieben ihre Eltern so bedingungslos, dass sie bereit sind, die Schuld für die Eltern auf sich zu nehmen. Sie gehen für die Eltern quasi ins »Gefängnis«. Sie wollen auf keinen Fall die Eltern leiden sehen oder zuschauen, wie diese die Konsequenzen aus ihrem Handeln tragen müssen. Da fühlt es sich besser an, die Schuld selber zu tragen.

 

 

Notlösungen

All diese Unsicherheiten führen dazu, dass das Kind nach Notlösungen sucht. Es möchte seine Bedürfnisse erfüllt wissen und reklamiert diese nun auf seine ganz eigene Weise. Da es noch nicht rational mit der Situation umgehen kann, geht es intuitiv, emotional und seinem Alter entsprechend an die Sache ran.

Ist das Kind klein, so geschieht das unbewusst. Unterdrückte und subtil aggressive Konflikte zwischen den Eltern werden vielleicht vom Kind hinausgeschrien, d. h. das Kind wird cholerisch, oder es zieht sich zurück, um sich zu schützen. Unsicherheiten im Lebensraum können zu psychosomatischen Problemen führen, etwa zu Neurodermitis, Adipositas oder Morbus Crohn, um nur einige zu nennen. Die Seelenpein äußert sich auf körperliche Weise, und so ein Juckreiz, der ständiges Kratzen erfordert, ist eine willkommene Ablenkung von dem ganzen Mist zu Hause. Viele Krankheiten fordern aber auch Fürsorge ein, wonach ein Kind in jedem Alter ein großes Bedürfnis hat.

Ist das Kind größer, so erweitert es sein Spektrum an Notlösungen, die ihm zumindest kurzfristig Befriedigung verschaffen. Was kurzfristig Heilung verspricht, scheint das beste Mittel der Wahl. Daher sind Alkohol und Drogen hoch im Kurs.

Rational müsste klar sein, dass dies nicht hilft. Aber so denkt das im Aufbau begriffene Gehirn noch nicht. Auch sind Drogen und Alkohol ein wirksamer Gefühlstöter, der die schlechten Gefühle wenigstens zeitweise nicht spüren lässt. Oder Magersucht und Bulimie, die dem Kind eine Aufgabe und Macht geben. Endlich fühlen sie sich mal wieder so, als hätten sie die Kontrolle über etwas, zumindest über ihr Essverhalten.

Die Hilflosigkeit, die sie im eigenen Zuhause erleben, können sie auf diese Weise wieder etwas wettmachen. Leider gehen sie auch nicht mehr ungezwungen und frei in ihr eigenes Leben, denn sie wissen ja, dass zu Hause die Hütte brennt.

Jedes Kind hat seine ganz eigenen Strategien, mit Nöten umzugehen. Was es nicht einfach macht, diese immer als solche zu erkennen. Deshalb sollten wir das Kind insbesondere in Krisensituationen ganz genau beobachten und beachten. Denn leider ist es um ein Vielfaches schwieriger, verkorkste Verhaltensweisen wieder zu heilen, als sie gar nicht erst entstehen zu lassen.

Daher sollten wir unsere Kinder langsam und sensibel auf die Trennung vorbereiten. Sie brauchen Zeit und viel Geborgenheit, um sich auf die neue Situation einstellen zu können. Wir sollten sie von klein auf immer im Blick haben und mit Würde und Respekt in die Trennung gehen, damit unsere Kinder einmal frei und ungezwungen ihren eigenen Weg gehen können.

Kinder haben sensible Antennen und ein feines Gespür dafür, ob ihre Umgebung in Gefahr ist. Schon Abraham Maslow, der Begründer der humanistischen Psychologie, wusste, dass ein Mensch sich erst um seine Grundbedürfnisse wie Ernährung und Sicherheit kümmern muss, bevor er seine ganzen Potenziale entfalten kann. Und unsere Kinder haben ein Recht darauf, sich voll entfalten zu können. Denn für alles andere sind sie einfach noch zu klein. Fühlt sich der Rahmen also nicht mehr sicher an, so entwickeln sie Probleme. Der Wunsch nach einer geborgenen, sicheren und liebevollen Umgebung wird stark und stärker und absorbiert die ganze Kraft des Kindes für all das, was für seine eigene Entwicklung in den ersten Lebensjahren so wichtig wäre.

Dem Wunsch nach einer heilen Welt begegnet das Kind mit Unvermögen und Hilflosigkeit. Kein schönes Gefühl für das Kind, das sich dieses Gefühlschaos noch gar nicht erklären kann. Da es noch kein rationales Verständnis besitzt und keine dementsprechenden Handlungsmöglichkeiten hat, handelt es rein intuitiv und meist irrational. Und irgendwann sind wir Eltern mit der schwierigen Frage konfrontiert, was uns das Kind sagen will mit seinem Drogenkonsum, seiner Neurodermitis, seinen schlechten Schulnoten, seiner Magersucht, Bulimie oder Depression. Denn es will ganz bestimmt etwas sagen. Wir können es nur nicht unbedingt gleich verstehen oder entziffern.

 

 

Störungen in der Pubertät

Auch Störungen, die das Kind in einer späteren Lebensphase wie der Pubertät erleidet, haben einen starken Einfluss auf die Entwicklung und können lebenslang nachwirken. Kinder dieses Alters haben den Wunsch, ihr Leben in eigene Bahnen zu lenken. Dafür brauchen sie, auch wenn sie so gar nicht den Anschein erwecken, viel Aufmerksamkeit von den Eltern. Diese aber bleibt ihnen versagt, wenn die Eltern in ihre eigenen destruktiven Streitigkeiten verstrickt sind. Da ist dann niemand, der sie ermuntert, unterstützt, ihre Talente fördert und ihnen Anerkennung zollt. Denn Eltern, die nur mit sich und ihrem Rosenkrieg beschäftigt sind, haben keine Zeit und Muße für die Kinder. Ein schlecht gelaunter Vater sieht die Vorzüge seiner Tochter nicht, und eine frustrierte Mutter lässt dem Sohn keine Anerkennung zukommen. Für den Selbstwert des Kindes ist das alles andere als förderlich.

Oder vielleicht noch gravierender: Die Kinder werden zum emotionalen Ersatz für den Partner und somit in eine Rolle gedrängt, die ihnen nicht zusteht und sie überfordert. Wir können davon ausgehen, dass all diese Probleme das Kind im Erwachsenenalter wieder einholen, und zwar genau dann, wenn es meint, in der eigenen Partnerschaft stünde gerade alles zum Besten. Denn genau dann packen wir in aller Regel unsere Kindheitsthemen aus.

Eine Frau musste in der Pubertät erleben, dass ihr Vater sich eine Geliebte nahm, wodurch die Ehe der Eltern und somit auch die Familie zerbrach. Ihr Vater war zu dieser Zeit so sehr damit beschäftigt, seinen Beruf, die Geliebte und den Rosenkrieg mit der Mutter auf die Reihe zu bekommen, dass er für seine Tochter keine Zeit und keine Kraft mehr hatte. Dabei hätte sie gerade in dieser Phase, in der sie etwas pummelig, unglücklich und ihrem Alter entsprechend verunsichert war, so sehr die Liebe und die Anerkennung ihres Vaters gebraucht. Doch vom Vater war damals nichts zu bekommen. Ihr späterer Partner, dem sehr viel an einer guten Partnerschaft gelegen war, wollte ihr sehr viel geben. Doch ihr war es nicht genug. Sie wollte mehr Bestätigung und Lob, als eine Partnerschaft geben kann. Sie hörte ständig Kritik, wo vielleicht Veränderungswünsche geäußert wurden, und fühlte sich immer ungeliebter und unglücklicher. Das führte dazu, dass der Partner sie mehr und mehr links liegen ließ. Je mehr Bestätigung sie sich von ihrem Partner wünschte, desto weniger bekam sie,sodass die Ehe langsam, aber sicher ihrem Ende entgegenging.

Diese Frau hätte in der Pubertät einen Vater gebraucht, der ihr vermittelt hätte: Ich liebe dich mit all deinen gefühlten Unzulänglichkeiten und genau so, wie du bist. Was sie vom Vater nicht bekommen hatte, das wollte sie später von ihrem Partner: die Vater-Tochter-Liebe. Die aber gab ihr der Partner nicht. Stattdessen behandelte er sie wie eine erwachsene Frau. Sie jedoch mutierte wieder zur Pubertierenden, weil aus dieser Zeit die Not stammte, die ihr nun so sehr zu schaffen machte.

Die Frau muss begreifen, dass sie die Defizite ihrer Jugendjahre nicht mehr nachholen kann. Und sie muss lernen, die konstruktive Kritik ihres Mannes anzuhören, zu reflektieren und gegebenenfalls auch anzunehmen, statt sich in ihrem Selbstwertgefühl verletzt zu fühlen. So hat jeder von uns seine Themen aus der Kindheit. Aber wie groß und wie schwer das Päckchen ist, das wir als Eltern unseren eigenen Kindern mitgeben, das haben wir schon ein gutes Stück weit in der Hand.

 

 

Aus dem Nest gefallen

Eine weitere Reaktion von Kindern und Jugendlichen auf den Rosenkrieg der Eltern kann darin bestehen, dass sie der eigenen Familie gegenüber innerlich kündigen. Auch das ist ein eindeutiges Zeichen für eine Überforderung. Von den Alten, die sich nur noch zoffen, lass ich mir doch nichts mehr sagen, und wo es keine Regeln mehr gibt, da muss ich mich auch an nichts mehr halten. Da kann ich auch Drogen nehmen, saufen und klauen oder sonst wie kriminell werden. Das ist sowieso allen egal. Wenn meine Eltern sich nicht familienerhaltend benehmen, dann brauche ich das auch nicht. Meine Eltern wollen diese Familie nicht, warum sollte ich sie dann wollen …

Das sind Statements, wie man sie von aus dem Nest gefallenen Kindern hört. Loyalität ist ein wichtiges Lebenselixier, und größere Kinder, die Kleinen sind immer loyal, verhalten sich nur loyal gegenüber Menschen, die sie auch respektieren. Ein Rosenkrieg zerstört diese Loyalität, und wir können unsere Kinder als eingebundene, gesunde und starke Menschen verlieren.

Schon beim geringsten Anzeichen, dass unsere Kinder zu sozial unverträglichen Menschen mutieren, sollten wir uns die Frage stellen: Was bringen wir als Eltern dem Kind eigentlich bei? Was leben wir ihm vor? Wenn wir, auf die sich unsere Kinder am meisten verlassen haben, uns benehmen wie die Axt im Walde, was soll ein Kind dann davon halten? Wenn wir dem Kind erzählen, dass es sich ordentlich benehmen und nicht brüllen soll, und wir uns selbst nicht daran halten, dann bekommt es Botschaften, die es irritieren. Ich soll dies und jenes machen, aber meine Eltern machen es nicht … Das ist, als würde man Gemüse predigen und sich selbst von Tiefkühlpizza ernähren. Ein geradliniger klarer Weg ins Erwachsenenleben wird auf diese Art verbaut. Denn sich gehenlassende Eltern haben keine Vorbildfunktion mehr.

 

 

Was die Abwertung des Partners mit den Kindern macht

Viele Trennungsszenarien führen dazu, dass ein Elternteil den anderen schlechtmacht. »Dein Vater gibt euch zu viele Süßigkeiten, das ist unverantwortlich von ihm.« »Eure Mutter ist viel zu streng mit euch. Das kann nicht gut für eure Entwicklung sein.« »Immer muss ich mit euch die Hausaufgaben machen, weil euer Vater zu faul dazu ist.« Puh! Nicht gerade subtil wird hier dem Kind vermittelt, dass man selbst ja nur das Beste für es will, während der andere …

Aber Achtung: Das Kind schaut sehr wohl hinter die Kulissen. Es merkt sofort, dass hier nicht sein Wohl im Zentrum steht, sondern die Abwertung des anderen Elternteils. Und das kann Folgen haben. Denn jeder Vorwurf und jede Kritik am anderen lässt das Bild von diesem bröckeln. Ein Kind, egal in welchem Alter, möchte aber tolle und fantastische Eltern haben. Es stammt ja schließlich von diesen ab. Somit ist jede Abwertung eines Elternteils auch eine Abwertung des Teils, den das Kind von diesem in sich trägt. Das geht an die tiefen Selbstwert- und Persönlichkeitsstrukturen. Nicht nur das Vorbild (Elternteil) wird zerlegt, auch die eigene lebenswichtige Ressource, das eigene Ich wird dadurch verletzt. Wer kann ich schon sein, wenn ich von einem Menschen abstamme, der offenbar so schlecht ist … Was das mit dem Selbstwertgefühl des Kindes macht, muss vermutlich nicht näher erläutert werden.

 

 

Zwischen den Stühlen

Eine große Herausforderung für Kinder ist das Gefühl, im Streit- und Trennungsfall Position beziehen zu müssen. In einer intakten Beziehung besprechen sich die Eltern weitgehend, wie die Kindererziehung verlaufen soll. Ob es Süßigkeiten gibt, wie viel Fernsehen erlaubt ist und was man angesichts der Lernschwierigkeiten unternimmt. Das sind Fragen, die auf der Erzieherebene besprochen und dann nach »unten« weitergegeben werden. Nach der Trennung wird das in einer destruktiven Elternbeziehung nicht mehr besprochen, sondern jeder macht so seinen Stiefel. Jetzt wird das Problem nach unten verlagert, und das Kind muss entscheiden, welchen Stil es besser findet. Es wird sich an beide Elternstile gewöhnen und beide leben, je nachdem, bei wem es gerade ist. Unterschiedliche Lebensstile können für das Kind auch eine Bereicherung sein. Es erlebt viel Unterschiedliches, kann wählen und wird stark, wenn man ihm das Sowohl-als-auch anbietet. Muss es sich jedoch für ein Entweder-oder entscheiden, dann bringt man es in einen Konflikt. Es muss sich entscheiden. Es muss werten.

Die Eltern warten auf eine Meinung des Kindes und wollen wissen, was es denkt. Im Extremfall sagt das Kind der Mutter, dass es beim Papa schlimm war, weil es merkt, dass es der Mutter dann besser geht. Es traut sich nicht mehr, ehrlich zu sein, sondern achtet vielmehr darauf, was die Eltern hören wollen.

So wird die Stiefmutter schlimm gefunden, damit die Mutter nicht so leidet. Und der Aufenthalt bei der Mutter wird mit einer Krankheit belegt, damit der Vater sagen kann: »Bei ihrer Mutter werden die Kinder immer krank!« Es ist leicht zu ermessen, dass diese Kinder Probleme damit haben werden, ihren eigenen Weg im Leben zu finden. Denn sie sind mehr damit beschäftigt, darauf zu schauen, was andere brauchen und wollen. Auch das stellt eine Anstrengung und Überforderung dar, die viele Nebenwirkungen haben wird. Spätere Verlustängste und/oder Bindungsstörungen sind nur einige davon.

Unsere Kinder stammen von uns ab. Sie möchten wissen und fühlen, dass sie von jemand Wunderbarem abstammen. Sie möchten wissen, dass BEIDE Eltern wunderbar sind. Wird ein Elternteil schlechtgeredet, dann fühlt das Kind sich auch schlecht. Solidarität zu nur einem Elternteil mag kurzfristig in Ordnung sein, langfristig ist es eine Katastrophe. Denn alles, was gegen den anderen gesagt wird, beziehen unsere Kinder auch auf sich. Denn mein Vater, meine Mutter bin ja auch ich. Dass es als Kind gar nicht gemeint ist, diesen rationalen Schluss kann ein Kind nicht ziehen. Es wird sich nur verletzt und ungenügend fühlen. Jeder Stich gegen den Ehepartner ist ein Stich in die Seele unserer Kinder.

 

Der vorstehende Text ist ein Vorabdruck aus dem Buch „Glücklich getrennt. Wie wir achtsam miteinander umgehen, wenn die Liebe endet“, das morgen erscheint. Es ist im Ullstein Verlag erschienen (ISBN:13 9783963660030).

 

Nadja von Salden arbeitet als Paartherapeutin und Scheidungsmediatorin in Potsdam und Berlin.

 

 

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2 Kommentare

  1. Manfred Böttcher

    26. Dezember 2018 at 15:51

    Der Beitrag ist eine sehr differenzierte und tiefschürfende Analyse der Situation von Kindern beim Trennungsgeschehen der Eltern, die alle Aspekte des betroffenen Kindes auch sprachlich sehr treffend und verständlich erfasst.

  2. Kerstin Königsberg

    14. Januar 2019 at 21:55

    Dieser Beitrag hat mich sehr berührt. Nun weiß ich, warum mein Sohn Probleme hat. Diese Tragweise einer Trennung hatte ich nicht im Blick. Danke für den Beitrag.

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