Die Liebesblogger

Kuscheln in Corona-Zeiten

Zu Hause arbeiten, lernen, kochen, spielen: Das Aufeinanderhocken stellt so manche Beziehung auf die Probe – und damit den Familienfrieden. Paarberater Christian Thiel erklärt, wie man Streit vermeidet. Die Corona-Pandemie bringt unser Leben durcheinander. Die Ungewissheit macht viele ratlos, nervös und gereizt. Streit ist vorprogrammiert. Wie sich der zu Hause umgehen lässt, wollte die Sächsische Zeitung von Single- und Paarberater (sowie Kolumnist) Christian Thiel wissen.

 

Herr Thiel, die Schulen sind dicht, viele Betriebe auch. Viele Paare und Familien sind jetzt den ganzen Tag zusammen. Gehen sich die Leute nicht schrecklich auf die Nerven?

Kommt drauf an, wie sie miteinander umgehen. Wenn sie sich ständig bestätigen, wie schrecklich alles ist und wie sehr einen der Andere nervt, dann wird es anstrengend. Besser ist, wenn Sie sich sagen: „Wir schaffen das. Gemeinsam.“

 

Eigentlich tritt doch im Zuge der Krise das ein, wonach sich alle immer sehnen: Zeit für sich und die Familie zu haben. Warum stresst das auf einmal so viele?

Ich habe meine Zweifel an dem häufig geäußerten Wunsch nach mehr Zeit für die Familie. Warum leben so wenige so, wenn sie es sich doch angeblich wünschen? Viele Männer fühlen sich bei ihrer Arbeit deutlich wohler als zu Hause. Das gibt nur kaum einer zu. Hinzu kommt, dass es alle Beteiligte nicht gewohnt sind, so viel Zeit miteinander zu verbringen. Und dann ist da noch die Unsicherheit, die dieser Virus bei vielen auslöst. Viele Menschen schlafen schlecht und dann liegen die Nerven schnell blank.

 

Wo könnte es jetzt kriseln?

An jeder Stelle. Das ist eine Ausnahmesituation. Menschen fühlen sich bedroht, das kommt noch dazu. Eins muss klar sein: Eltern sind für ihre Kinder da, nicht Kinder für die Eltern. Das setzt die Eltern mächtig unter Druck und kann nur funktionieren, wenn sie zusammenstehen. Das ist das Gebot der Stunde. „Wir gegen den Rest der Welt“ ist jetzt noch viel wichtiger als sonst. Wenn dieses „Wir“ gelingt, dieses „Wir schaffen das!“, dann ist eine Partnerschaft stabil. Das gilt für die Gesellschaft genauso. Die Verzagtheit und Verunsicherung bei uns ist unglaublich groß. Mir fehlt ein bisschen der Optimismus. Natürlich schaffen wir das.

 

 

„Irgendwer muss uns sagen, dass wir das gut machen“

 

Die Menschen sind trotz Ihrer Überzeugung sehr verunsichert. Was kann ihnen Halt geben?

Natürlich ist es in der Krise so, dass Menschen angespannter sind. Aber wir haben schon schlimmeres hinter uns gebracht als einen Virus. Die größten Kosten, die momentan entstehen, sind die psychischen Kosten. Wenn Menschen sich so gravierend umstellen müssen wie im Moment, fällt ihnen das immer schwer. Dafür haben wir Anerkennung verdient. Irgendwer muss uns sagen, dass wir das gut machen.

In der Partnerschaft kann das logischerweise nur so sein, dass der Mann das seiner Frau sagt – und die Frau es ihrem Mann. Beide müssen sich das einander sagen und sich bestätigen, dass sie es toll hinbekommen. Und das Wichtigste ist, dass sie sich jeden Abend aneinander kuscheln. Wir brauchen keinen leidenschaftlichen Sex. Der darf auch sein, muss aber nicht.

Es geht darum, füreinander da zu sein, sich in den Arm zu nehmen. Ich finde es schwierig, was ich auf einer Webseite einer medizinischen Einrichtung gelesen habe. Sie hat vorgeschlagen, dass wir uns nicht mehr küssen und nicht mehr in den Arm nehmen. Ich bin empört, wenn ich sowas lese. Wie soll es in einer Ehe denn möglich sein, dass einer den anderen nicht ansteckt? Das ist nicht möglich und von niemandem zu verlangen.

 

Was kann denn Familien dabei helfen, sich ein bisschen zu beruhigen?

Am wichtigsten finde ich bei Kindern, dass sie sich an den häuslichen Pflichten beteiligen. Es stabilisiert sie, wenn Aufgaben verteilt und der Alltag organisiert wird. Das ist immer wichtig, nicht nur in Krisen, dass Kinder nicht in Watte gepackt und  vor den Computer geschoben werden und die Eltern den ganzen Stress haben. Kindern geht es nicht besser, wenn sie nichts zu tun haben. Alle müssen zusammenstehen, das ist der Punkt. Eltern sind jetzt besonders belastet. Sie müssen die Kinder auffangen, mit dem Partner kooperieren. Wir müssen da durchkommen – und da kommen wir auch durch.

Gefährdet sind die Älteren, aber die sind jedes Jahr gefährdet, bei jeder Grippe-Epidemie. Einige sterben auch daran. Aber auch dieses Mal wird es kein Ausmaß annehmen, das so groß ist, dass unser Land daran zerbricht. Ich kann nicht zuraten, pausenlos vorm Fernseher zu sitzen und sich die Nachrichten anzuschauen. Kinder müssen auch davor geschützt werden, weil sie das Fernsehen emotional mehr erreicht als das, was die Eltern aus der Zeitung vorlesen. Gerade für kleine Kinder ist es wichtig, dass sie die Panik nicht mitbekommen.

 

 

„Wir sollten froh sein den anderen zu haben – und nicht allein zu sein“

 

Was können die Erwachsenen gegen ihre innere Unruhe machen?  

Zunächst darf man zugeben, dass wir alle nicht gewohnt sind, uns so einzuschränken. Ich kann nicht mehr frei tun, was ich will. Wir dürfen uns eingestehen, dass uns das schwer fällt. Das Wichtigste ist,  zueinander zu stehen. Das heißt für mich, dass wir froh sein sollten, den anderen zu haben und nicht allein zu sein. Vielen wird in einer solchen Situation erst mal klar, wie schön das ist, nicht ganz allein in einer Wohnung zu sitzen. Seien Sie doch mal froh, dass Sie die anderen haben, und die sind auch noch gesund!

Und wenn einer etwas hat, dann hat er wahrscheinlich nicht Corona, denn das hat bisher kaum einer. Die allerwenigsten die diese Krankheit bekommen, werden durch sie ernsthafte Problem bekommen. Bisher trifft es vor allem die Älteren und diejenigen die gesundheitlich stark vorbelastet sind. Wir sollten froh sein, dass es uns gut geht, dass den Kindern nichts passiert ist. Dass wir in einer Gesellschaft leben, die so reich ist, dass sie sich eine solche Krise erlauben kann. Keiner wird hungern müssen oder seine Wohnung verlieren. In anderen Gesellschaften ist das anders.

 

Wenn die Leute ihre Arbeit wegen der Krise verlieren sollten oder in Kurzarbeit rutschen, sehen viele ihre Existenz schon zu Recht bedroht, finden Sie nicht?

Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit führt ohne Frage zu materiellen Einschränkungen, aber in der Regel nicht zu existenzbedrohenden Situationen. Für die meisten Menschen ist es deutlich schwieriger damit umzugehen, dass sie die Kontakte zu den Kollegen verlieren. Und dass sie die Anerkennung verlieren, die mit einer Arbeit einhergeht. Das ist aus psychologischer Sicht absolut verständlich.

 

 

„Warum sollte man als Single nicht flirten dürfen?“

 

Was machen Singles, damit sie vor Langeweile nicht eingehen? Ist jetzt eine gute Zeit für Onlinedates?

In Krisenzeiten lernen sich mehr Paare kennen als in Nicht-Krisenzeiten, zum Beispiel während der Elbeflut beim Noteinsatz. Natürlich darf man jetzt daten, das ist völlig legitim. Im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben natürlich und da Restaurants und Cafés zu haben, sind derzeit vor allem Spaziergänge angesagt. Und natürlich darf man mit einem Treffen auch ein paar Wochen warten. Nicht jeder fühlt sich derzeit wohl bei einer Verabredung. Das ist absolut verständlich.

Es ist nur so: In einer Krise wie jetzt wird Menschen klarer, was wichtig ist. Das, was am langen Ende in unserem Leben wirklich zählt, sind die Menschen, die wir lieben: Eltern-Kinder-Verhältnisse, Partnerschaft, Freundschaften. Die beruflichen Erfolge sind auch nicht unwichtig, geben Stabilität und Einnahmen, aber sie sind nicht das, was Menschen im Kern ausmacht. Das merkt man in solchen Lagen besonders.

Warum sollte man da als Single nicht flirten dürfen? Man darf sich auch zum Spazieren gehen treffen. Wer sich zu unsicher und nervös fühlt, darf das auch verschieben. So eine Krise dauert nicht ewig. Dann trifft man sich eben in ein paar Wochen. Das Thema Liebe lässt uns nicht los. Das ist das allerwichtigste in unserem Leben. In so einer Situation wie jetzt sollten sich bei Paaren beide aneinander anlehnen können, nicht nur einer beim anderen, und sich bestätigen, was für einen tollen Job sie machen. Das ist ohnehin immer unsere Aufgabe, aber in so einer Krise ist das noch viel wichtiger: Wir machen einen tollen Job, wir kümmern uns um unsere Kinder, wir kümmern uns umeinander. Und wir kriegen das hin.

 

Das Gespräch führte Susanne Plecher. Der Abdruck erfolgt  mit freundlicher Genehmigung der Sächsischen Zeitung.

 

Foto: Paul-Friedrich Thiel

Christian Thiel arbeitet als Single- und Paarberater in Berlin.

(singleberater.dedie-liebe-bleibt.de)

 

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Von Christian Thiel gibt es auch das gratis ebook „Die Liebe und ihre Feinde. Wie Partnerschaft gelingt.“ Zum Download geht es hier.

2 Kommentare

  1. Marion Kienzler

    Ich lebe in einer Fernbeziehung. Wir können uns jetzt viele Wochen nicht sehen. Mein Freund meldet sich nicht so oft. Ich will nicht nerven, wenn ich immer wieder versuche, per whatsapp oder telefonisch Kontakt zu halten. Die Nähe, die so wichtig wäre, ist nicht möglich.

    • Christian Thiel

      Oh, das ist wirklich hart. Wenn er das Bedürfnis nach Austausch nicht hat, dann klingt das Interesse am anderen allerdings schon etwas einseitig. Vielleicht hilft es, sich etwas zurückzuziehen. Und zu schauen, ob er sich dann öfter meldet. Alles Gute Ihnen!

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