Die Liebesblogger

Bin ich lesbisch?

Mein Mann und ich sind seit 10 Jahren ein Paar. Wir haben drei Kinder. Unsere Beziehung war nicht immer einfach, eines der schwierigen Themen war bei uns die Sexualität. Er möchte immer und ich nie, salopp gesagt. Ich habe irgendwie nicht so viel Spaß am Sex -mein Mann erregt mich nicht. Das Problem hatte ich in den vorangegangenen Partnerschaften (nur Männer) auch schon. Zu Beginn ist es spannend und neu intim zu werden aber sobald es stabiler wird verliere ich die Lust am Sex. Ich nahm an ich sei halt einfach so.

Seit einiger Zeit habe ich auf der Arbeit eine neue Kollegin. Leider habe ich mich furchtbar in sie verknallt. Ich habe versucht die Gefühle zu leugnen aber es hilft nichts, ich finde diese Frau wahnsinnig toll und muss dauernd an sie denken. Ich denke auch ständig daran wie es wäre sie zu berühren, zu küssen usw. Wenn wir aufeinandertreffen dann spüre ich diese wahnsinnige Anziehung. Zu mindestens von meiner Seite aus, ich weiß nicht wie sie fühlt. Ich glaube sie steht auf Frauen und sie mag mich mindestens als Kollegin.

Das Ding ist, das ich rückblickend betrachtet doch einige starke Punkte finde, bei denen es mir hätte früher klar werden müssen das ich mindestens auch auf Frauen stehe. Am liebsten würde ich mit einer Frau schlafen, um mir sicher zu sein. Aber Fremdgehen möchte ich nicht und die Frau meiner Begierde kann ich auch nicht haben. Wie kann ich Klarheit in meine verwirrte Gefühlswelt bringen? Ich bin langsam am Verzweifeln.

 

Sie werfen eine sehr spannende Frage auf – und eine einfache Antwort gibt es leider nicht. Zunächst einmal gilt für Sie das  was auch für alle anderen gilt, die sich in einen Kollegen verlieben: Der Kollege wird gewählt, weil durch den tagtäglichen Umgang eine hohe Vertrautheit mit ihm entstanden ist. Er passt aber nach meiner Erfahrung nahezu nie.

Und auch der Rat, dass Sie sich erst trennen sollten bevor Sie eine neue Bindung eingehen, gilt für Sie ganz unabhängig von der Frage einer möglichen sexuellen Orientierung hin auf eine Frau.

Sind Sie lesbisch? Ich kann das nicht ausschließen. Ihre Beziehungsbiographie gibt dafür allerdings keine klaren Anhaltspunkte. Sie haben sich, wenn Sie Single waren, immer nach Männern umgeschaut. Zudem war der Sex gut, wenn auch nur in den ersten ein bis zwei Jahren.

Ich bin allerdings auch kein großer Fan von Eindeutigkeit in diesem Bereich. Ich hatte schon viele Beratungen mit Menschen, die ihre sexuelle Orientierung im Verlauf Ihres Lebens geändert haben. Manche haben das sogar mehrfach getan. Für mich als Berater ist das völlig in Ordnung.

 

Möglicherweise bekommen Sie in der Sexualität mit Ihren Partnern schlicht nicht das, was Sie sich wünschen

 

Eines fällt auf: Sie haben mit Ihren Partnern immer eine ziemlich lange Zeit, in denen Sie mit der Sexualität ziemlich zufrieden sind. Erst dann kommt der Einbruch.  Das spricht dafür, dass Sie in der Sexualität mit Ihren Partnern oder im Zusammensein mit ihnen, schlicht nicht das bekommen, was Sie sich wünschen. Wenn Sie es nun mit einer Frau versuchen, dann kann Ihnen das ganz genauso wieder passieren. Ein Jahr läuft es gut – dann kommt die Unzufriedenheit. Ich habe das erst neulich genau so bei einer Klientin erlebt. Es ist also möglicherweise ein Muster, das sehr viel über Sie aussagt.

Ich würde dazu raten, die Gründe für Ihre Unzufriedenheit sehr genau zu betrachten. Was vermissen Sie nach ein oder zwei Jahren? Ist das was Sie vermissen zusammen mit Ihrem Mann wirklich nicht zu bekommen?

Ich habe eine Vermutung, was Sie vermissen könnten. Wenn Sie sich in eine Frau verlieben, dann kann das zum Beispiel bedeuten, dass Sie sich von einer Frau mehr Verständnis und mehr Empathie versprechen. Das heißt nicht unbedingt, dass Sie lesbisch sind (obwohl das nicht auszuschließen ist). Es bedeutet aber, dass Sie viel zu wenig von dem bekommen, was Sie sich wünschen. Das kann auch die Sexualität betreffen.

 

Sie haben möglicherweise wenig Lust auf Sex, weil Ihnen Verständnis und Empathie seitens Ihres Mannes fehlt

 

Letzter Punkt. Die Annahme, „Ich bin halt einfach so“ habe ich nun schon hunderte Male gehört, auch und gerade in Bezug auf eine geringe Lust auf Sexualität. In der Regel kam am Ende allerdings heraus, dass die (oder der) Betreffende schlicht zu angepasst war – und sich folglich viel zu wenig für eigenen Wünsche und Bedürfnisse eingesetzt hat. Dann schwindet die Lust. Aber das ist in meinen Augen völlig logisch und hat mit wenig Lust auf Sex überhaupt und gar nichts zu tun. Sie haben möglicherweise schlicht wenig Lust auf den Sex, den Sie derzeit haben. Oder Sie haben wenig Lust auf Sex, weil Ihnen Verständnis und Empathie seitens Ihres Mannes fehlt.

Belassen Sie es bitte nicht beim derzeitigen Stand der Dinge. Suchen Sie sich eine professionelle Beratung. Akzeptieren Sie die starken Gefühle gegenüber der Kollegin, aber handeln Sie bitte nicht. Eine Affäre am Arbeitsplatz endet beinahe immer damit, dass einer kündigen muss.

Never fuck the company, heißt ein bekannter Spruch. Es gibt sehr gute Gründe, ihn zu beherzigen. Zudem gilt auch für Sie, dass die richtige Reihenfolge bei einer unglücklichen Beziehung die wirklich nicht zu retten ist so lautet: Erst trennen – dann neu binden. Oder neue Versuche der Bindung starten. Das sind Sie in meinen Augen nicht nur Ihrem Mann schuldig und Ihren Kindern, sondern in erster Linie sich selbst.

 

Mehr hören

 

Auch im neuen Podcast geht es um die gleiche Frage wie in der obigen Kolumne:

 

 

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1 Kommentar

  1. Ulle

    Ich finde Ihren Beitrag sehr interessant, auch wenn mich das Thema bisher nicht persönlich direkt betrifft. Mir gefällt, dass es hier mehr um langfristige Zufriedenheit und das Bedürfnis nach Verständnis sowie Mitgefühl geht und nicht ausschließlich um die sexuelle Orientierung.

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