Die Liebesblogger

Seit 15 Jahren kein Sex mehr

Meine Frau (46) und ich (48) sind seit 15 Jahren verheiratet. Wir haben zwei Kinder (15, 13). Wir haben seit 16 Jahren, also seit der Zeugung des ältesten Kindes noch zwei Mal miteinander geschlafen, um das zweite Kind zu bekommen. Wir lieben unsere Kinder über alles und würden nichts tun wollen, was ihnen schadet.

Es gibt bei uns zudem schon seit mehr als einem Jahrzehnt keine andere Form der Zärtlichkeit mehr, kein Kuscheln, keine Küsse. Vor zwei Jahren hat meine Frau mich dann gebeten, in einem anderen Zimmer zu schlafen. Wir organisieren den Alltag.

Ich denke seit einigen Jahren konkret darüber nach, dass ich sehr viel lieber nicht mehr mit meiner Frau zusammenleben würde. Für mich ist der Zeitpunkt, an dem alle Kinder aus dem Haus sein werden, ein möglicher Trennungszeitpunkt, aber das sind noch einige Jahre. Ehrlich gesagt, hätte ich gerne wieder jemanden, der mich in den Arm nimmt und mir sagt, dass er (also sie) mich mag. Die lange Zeit ohne Sex, belastet mich sehr. Es ist wie ein verpasstes Leben.

 

Sie stellen mir da eine sehr grundlegende Frage, auf die es keine einfache Antwort gibt. Zunächst einmal ist schon die Schilderung der Situation verstörend. Sie beide haben seit rund 16 Jahre keinen Sex mehr bzw. sie hatten nur zwei Mal Sex. Um ein Kind zu zeugen – also aus funktionalen Gründen. Das Versiegen der Sexualität hat dann nach und nach auch alle anderen Zärtlichkeiten zwischen Ihnen beiden verschwinden lassen.

Ohne körperliche Zuwendung ist eine Beziehung aber in der Regel nicht  dauerhaft glücklich und stabil. Sie wird zunächst einmal unglücklich. Dieses Unglück bezieht sich nicht auf einen der beiden Beteiligten – sondern auf beide. Sodann wird sie mit der Zeit auch instabil. Einer der beiden denkt über eine Trennung nach oder bekommt ein Angebot von außen. Oder beide tun das.

 

Wozu tun Menschen sich so ein unglaubliches Unglück an?

 

Ich frage mich oft: Wozu tun Menschen sich so ein unglaubliches Unglück an? Sie tun es sich selber an. Sie sind unglücklich. Sie tun es Ihrer Partnerin an. Auch Ihre Partnerin dürfte einigermaßen frustriert von der Lage sein, obwohl sie in Ihrer Frage an mich kaum etwas über die Befindlichkeit Ihrer Frau sagen. Warum eigentlich?

Wie unglücklich muss eine Frau sein, die ihren Mann bittet, in einem anderen Zimmer zu schlafen?

Die dritten Leidtragenden Ihrer Situation sind Ihre Kinder. Sie glauben ganz offensichtlich, dass Ihre Kindern von dem Unglück, das zwischen Ihnen beiden herrscht, nichts mitbekommen. Ich glaube das nicht. Neulich erst hat mir eine Frau erzählt, wie schwierig Ihre Eltern im Umgang miteinander wurden, als sie sechs Jahre alt war. Als erwachsene Frau hat sie dann erfahren, dass in genau dieser Zeit der Sex zwischen den Eltern versiegt ist.

 

Es ist völlig verständlich, dass Sie angesichts der Lage zwischen Ihnen beiden über eine Trennung nachdenken

 

Vergessen Sie also bitte alle Fragen, ob man Kindern eine Trennung der Eltern zumuten darf. Die Antwort lautet: Ja, man darf. Wenden Sie sich zudem bitte ernsthaft der Frage zu, ob man Kindern tagtäglich zumuten darf, ein tief unglückliches Elternpaar zu erleben.

Es ist völlig verständlich, dass Sie angesichts der Lage zwischen Ihnen beiden über eine Trennung nachdenken. Aber diese Trennung erst in ein paar Jahren vollziehen zu wollen, weil dann die Kinder aus dem Haus sind, das hat mich mehr als nur irritiert. Wenn die Lage zwischen Ihnen beide kaum noch auszuhalten ist, dann gehört die Wahrheit bei Ihnen auf den Tisch.

Als Berater machen mich Zuschriften wie die Ihre immer einigermaßen traurig. Vor 15 Jahren hätte eine Beratung Ihnen beiden noch helfen können zusammenzubleiben. Aber jetzt? Wer über 16 Jahre so gut wie keinen Sex mehr hat, der hat sein Gefühlsleben mächtig frustriert. Es macht über einen sehr langen Zeitraum schlechte Erfahrungen mit einem ganz konkreten Menschen. Das führt logischerweise zu einer Unmenge an negativen Gefühlen gegenüber diesem Menschen. Das alles passiert bei Ihnen und in Ihrem Gefühlsleben. Und es passiert auch bei Ihrer Frau und in deren Gefühlsleben.

 

Die seelischen Verletzungen auf beiden Seiten werden mit der Zeit immer größer

 

Der Andere ist nach alledem nicht mehr der Lieblingsmensch, als den wir ihn einst empfunden haben – sondern eher der Mensch, über den wir uns mehr geärgert haben, als über jeden anderen Menschen in unserem Leben.

Ich kann Ihnen die Entscheidung über die Frage „Bleiben oder gehen?“ nicht abnehmen. Sie müssen sie treffen. Ich kann Ihnen aber aus der Sicht eines Beraters mitgeben, dass sich nichts verbessert, wenn Sie noch ein paar Jahre warten – im Gegenteil. Die seelischen Verletzungen auf beiden Seiten werden mit der Zeit immer größer.

Sprechen Sie bitte mit Ihrer Frau. Sie hat ein Recht darauf zu erfahren, dass Sie über Alternativen zu Ihrem Eheleben nachdenken. Es ist in meinen Augen ein Gebot der Fairness, ihr offen und ehrlich zu sagen, wie es um Sie und Ihre Gefühle steht.

 

 

10 Kommentare

  1. Petra Franek

    Hallo,

    das ist eine sehr interessante „Geschichte“, mit der ich mich sehr identifizieren kann. „Nur“, dass ich eine Frau bin. Schließlich zog ich aus, auch wenn eines unserer Kinder noch nicht volljährig war. Vielleicht hat „man“ als Frau dann auch noch mehr Schuldgefühle a la die böse Rabenmutter.
    Ich habe den Auszug bis heute nicht bereut, auch wenn ich bisher noch keinen „alltagstauglichen“ Partner fand.

  2. J.

    Auch mein Mann und ich haben in so einer Situation zu lange gewartet mit der Paarberatung. Es war zu spät und wir haben uns nach 20 Jahren getrennt, kleine Kinder hatten wir nicht.
    Mittlerweile bin ich überzeugt, dass die Beziehung kurz vor oder sogar schon am Ende ist, wenn es keine körperliche Nähe mehr gibt.

  3. Ralf

    Unglaublich traurig ! Wir wissen nicht, warum es den Wunsch nach getrennten Schlafzimmern gab. Wäre wichtig zu wissen, ohne Vorabschuldzuweisung. Ohne ein genaues Bild zu haben, stellt sich für mich die Frage: Worüber sprechen/sprachen die bei in all den Jahren ? Totschweigen führt im wortwörtlichen Sinne zum Tod. Zum sicheren Tod der Ehe (einer Beziehung). Immer wiederkehrendes Muster: Schlechte (oder Nicht-) Kommunikation führt zum Scheitern einer Beziehung. John Gottman („Die Vermessung der Liebe“) läßt „Grüßen“.

  4. Uli

    Der letzte Satz der Zuschrift hat mich sehr getroffen: „Die lange Zeit ohne Sex belastet mich sehr. Es ist wie ein verpasstes Leben.“ Bei mir sind es „nur“ fünf Jahre, seitdem wir an einen für uns beide neuen gemeinsamen Ort gezogen sind. Da schlief der Sex ein; auch kein Kuscheln findet mehr statt, weil meine Partnerin sich und mich vor etwaigen „Weiterungen“ schützen will. Sie geht längeren Umarmungen genauso aus dem Weg wie richtigen Küssen. Vielleicht ist das eine Frage des (biologischen) Alters bei uns (beide Mitte 60, aber gut erhalten und noch recht rege). Meine Partnerin erklärt es sich mit der Menopause: Die Biologie sehe ab einem bestimmten Zeitpunkt Fortpflanzung eben nicht mehr vor, und damit auch nicht die zugrundeliegenden Gefühle. Sie hält deshalb fehlenden Sex („das bisschen Sex“) für unproblematisch. Zumal sie der Theorie des Paarberaters Michael Mary aus Hamburg anhängt, nach der eine Partnerschaft nie alle Bedürfnisse erfüllen könne. In der Tat haben wir einige große Übereinstimmungen (Vorliebe für die gleiche Musik), aber auch einige gravierende Unterschiede (Religiosität, Kommunikationsverhalten). Meiner Einschätzung nach würde vielen Unterschieden die Schärfe genommen, wenn wir ein Sexleben hätten, das nach „funktioniert“ – aber dazu muss es überhaupt erst einmal stattfinden. Gründe dagegen zu finden fällt ihr leider nicht schwer, etwa dass wir zwar erst vor sechsJahren als Paar zueinander gefunden haben, uns aber seit Jahrzehnten kennen. Ihr fehlt nichts. Außer der gewissen Portion Fremdheit, die für sie Grundlage sexuellen interesses ist. „Bindungssex“ hatte für sie nur während ihrer Ehe Bedeutung.
    Die Veröffentlichung hat mich sehr ermutigt, noch einmal professionelle Hilfe zu suchen. Nicht für eine gemeinsame Paarberatung (auch die lehnt sie ab), sondern zur Bestätigung, dass ich mich nicht völlig auf dem Holzweg befinde, wenn ich die Partnerschaft beende.

    • J.

      Ich finde Übereinstimmung wichtig, wenn beiden nichts fehlen würde und es beiden damit gut geht, wäre das in meinen Augen o.k.
      Sex ist das eine, aber der Wunsch nach körperlicher Nähe ist viel umfangreicher.
      Wenn der nicht mehr da ist, ist die Paarbeziehung am Ende, ich hab es so erlebt. Ich wünsche Dir gute Erkenntnisse und die Kraft, diese dann auch umzusetzen, bei mir hat das sehr lange gedauert. Jetzt geht es mir allein besser als eingefroren zu zweit.

  5. E.

    Zuerst einmal: Danke! Danke für diese Ehrlichkeit und diese Worte. Ich (weiblich, 46 ) bin seit etwas über 15 Jahren schizophrenerweise verheiratet und hatte in dieser Zeit etwa 30 mal Sex mit meinem Ehemann. Wir haben einen Sohn (knapp 15) und sind beide sehr unglücklich. Halten jedoch schizophrenerweise zusammen und tanzen einen Totentanz bei vollem Bewusstsein, dass das Leben endlich ist und die Zeit verrinnt. Und dennoch schafft es keiner von uns beiden, den Schlussstrich zu ziehen.
    Das Kind wird, zumindest von mir, als Grund vorgeschoben. Dabei ist es eigentlich nur die eigene Angst. Die Angst alles alleine meistern zu müssen.

    • Christian Thiel

      Das klingt wirklich sehr traurig. Vielleicht ziehen Sie beide einen Schlussstrich. Wer in einer Eltern-WG lebt – der lebt in einer Eltern-WG. Punkt. Die Frage ist dann ja: Wie gestalten wir das? Sie sollen ja gemeinsam Eltern bleiben.
      Den meisten gelingt es in so einer Situation nicht, die Schuldfrage zu meiden. Die ist tückisch. Natürlich sieht jeder (und jede) die Schuld beim anderen. Das führt zu nichts – außer zu Verletzungen.
      Heute kommt genau so ein Paar zu mir in die Beratung. Ich bin gespannt.

  6. Steffen

    Ich kann den letzten Satz im Beitrag sehr gut nachvollziehen. Bei mir sind es zwar noch nicht ganz 15 Jahre, aber auch ich denke mir: Ich verpasse etwas. Das führt dazu, dass ich mir tatsächlich Gedanken darüber mache, den Sex mit jemand anderem als meiner Frau auszuleben. Eventuell würde ich sogar mit ihr darüber reden, ob eine offene Beziehung ein Modell wäre. Von Trennungswunsch kann bei mir allerdings keine Rede sein, auf den meisten anderen Ebenen funktioniert unsere Beziehung.
    Wobei ich mich frage, wo ich eine Sexpartnerin auf Augenhöhe finden würde. Das ist aber ein anderes Thema…

    • Christian Thiel

      Das sagt sich so einfach: Den Sex mit jemand anderem ausleben. Zumeist verlieben sich Menschen dann aber ineinander. Und dann?
      Zudem ist völlig unklar, wie Sie oder Ihre Partnerin mit so eine Situation Zurecht kommen. Ich hatte einen Klienten, der genau das gemacht hat. Drei Wochen nach seinem „Sex mit jemand anderem ausleben“ befand er sich schon mit schweren Depressionen in einer Psychiatrie. Er kam mit der Unsicherheit die sich aus dem zweigleisigen Fahren ergab nicht zurecht.
      Oft wird zudem auch betrogen. Der Sex war also nicht mit dem Partner oder der Partnerin abgesprochen. Das hat noch einmal ganz andere, ausgesprochen schwierige Effekte. So ein Betrug kann der Partnerin den Boden unter den Fußen wegziehen.
      Das häufigste Ergebnis von „Sex mit jemand anderem ausleben“ ist das, was Sie, wie Sie sagen, nicht wollen: Die Trennung.

      • Steffen

        nun ja, sie hat es ja auch schon getan – allerdings nicht abgesprochen…

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