Seit ich (32) mit meiner Frau zusammen bin, läuft es zwischen mir und meinen Eltern schlecht. Meine Mutter hatte von Anfang an etwas an ihrer zukünftigen Schwiegertochter auszusetzen. Das ging so weit, dass sie wollte, dass ich den Familiennamen ablege und den meiner Frau annehmen. Ich habe inzwischen den Kontakt zu meinen Eltern abgebrochen und bin dadurch endlich entspannter im Leben mit meiner Frau. Eine schöne Lösung ist das aber nicht, oder?
Traurige Geschichte. Ich höre das leider viel zu oft. Nur um Ihnen mal zu sagen, was die Aufgabe von Eltern ist: Sie sollten ihre Schwiegerkinder mit offenen Armen empfangen. Nein, man muss nicht immer beste Freunde werden. Das ist nicht möglich. Aber eine Grundsympathie erwarte ich denn schon, denn Ihre Frau ist Ihre Wahl. Diese Wahl zu kritisieren ist in meinen Augen einigermaßen empörend. Und unvernünftig.
Warum gelingt das heute mit den offenen Armen und der Grundsympathie immer mal wieder nicht? Das was zwischen Ihrer Frau und Ihrer Mutter abläuft, das ist ein Machtkampf. Es geht darum, wer das Sagen hat. Ihre Mutter verliert die Macht über Sie. Und das fällt ihr erkennbar schwer.
Die Verantwortung für diesen Machtkampf liegt bei Ihrer Mutter. Sie hat ihn angezettelt – obwohl sie ihn nach allem was ich davon verstehe nur verlieren kann.
Geschichten wie die Ihre denkt man gehören ins Mittelalter
Das was mich an diesen Machtkämpfen besonders stört ist, dass die Eltern ihren Kindern und deren Beziehungen auf diese Weise schwer schaden können.
Geschichten wie die Ihre denkt man gehören ins Mittelalter. Romeo und Julia. Zerstrittene Familien zerstören die knospende Liebe der beiden jungen Menschen. Oh, wie schrecklich! Aber das war ja damals!
Wir verbinden solche Liebesdramen zwischen Eltern und Kindern und Schwiegerkindern nicht wirklich mit unserer aktuellen Lebensrealität. Da Eltern heute aber weniger Kinder haben als früher, sind sie eher empfindlicher geworden, wenn der Nachwuchs, ist er erst einmal erwachsen, nicht macht, was sie sich vorstellen.
Kinder sind auf dieser Welt, um ihr eigenes Lebensglück zu realisieren
Es kommt noch etwas hinzu: Beziehungen von Eltern und Kindern sind heute sehr viel enger als früher. Eltern wollen sich heute regelrecht mit ihren Kindern befreunden. Das erhöht den Druck auf die Kinder. Sie sollen sich so verhalten, dass die Eltern mit ihren Schritten ins Leben einverstanden sind. Beruflich wie privat.
Aber wie zu allen Zeiten in der menschlichen Geschichte sind Kinder nur und ausschließlich für ihr eigenes Leben zuständig. Sie sind auf dieser Welt, um ihr eigenes Lebensglück zu realisieren. Und das kann ganz anders aussehen, als das der Eltern.
Die Tage hat der Sohn von Victoria und David Beckham den Kontakt zu seinen Eltern abgebrochen. Seine Mutter wollte bei der Hochzeit ihres Sohnes den ersten Tanz mit ihm haben. Der Sohn wollte – natürlich – mit seiner Frau tanzen. Ein Machtkampf auch hier. Die Mutter will die Schwiegertochter vor aller Augen demütigen. Gruselig.
Hilfe – meine Tochter will den falschen Mann heiraten!
Neulich kontaktierte mich ein Vater, der sehr um das Wohl seiner Tochter besorgt war. Die wollte heiraten – leider aber den in seinen Augen falschen Mann. Ich sollte ihr den Mann in der Beratung madig machen. Die junge Frau hatte sich bei ihrer Wahl des Partners eine Menge gedacht und war mit ihm überaus glücklich. Die Hochzeitsfeier war festgesetzt. Der Vater wiederum war sauer auf mich, weil ich einfach nicht verstand, wie schrecklich schlecht seine Tochter gewählt hatte. Im Gespräch mit ihm kam heraus, was er ihr unter anderem nachtrug: Die junge Dame hatte angefangen, ihre berufliche Zukunft mit ihrem Verlobten und zukünftigen Mann zu besprechen. Das hatte das Ego des Vaters schwer gekränkt. Wie kann sie nur!
Sie sehen: Schon wieder ein Machtkampf. Der Vater will seine vermeintlichen ‚Vorrechte‘ gegenüber dem Schwiegersohn gewahrt wissen. Vermutlich hatte auch er in der Vergangenheit ein besonders enges Verhältnis zu seiner Tochter. Und das war jetzt in Gefahr. Nun ist es aber unsere Aufgabe in einer Beziehung, in einer Ehe, ein extrem enges Bündnis mit dem Partner oder der Partnerin zu schmieden. Und die Eltern auf Platz zwei, drei oder vier zu setzen.
Ich freue mich also, dass Sie genau das gemacht haben. Ich kann Kontaktabbrüche nicht leiden. Gleichwohl sind sie leider oft die einzige Möglichkeit, übergriffigen Eltern ihren Platz klarzumachen. Ihre Eltern haben jetzt zwei Möglichkeiten: Entweder sie arrangieren sich mit den Verhältnissen. Oder sie müssen dauerhaft ohne Kontakt zu Ihnen und in Zukunft möglicherweise auch den Enkeln leben. Unter diesem Druck gelingt es den meisten Eltern, sich positiver einzustellen. Vielleicht ist das ja auch bei Ihnen so. Beste Freunde aber werden Sie als Paar und Ihre Eltern wohl auch dann nicht mehr werden. Die Verantwortung hierfür liegt bei Ihren Eltern. Und nirgends sonst.
Wirklich wichtig ist das in meinen Augen allerdings nicht. Sie haben sich für Ihre Frau entschieden. Sie haben entscheiden, dass sie Ihre Zukunft ist, die nicht von garstigen Eltern attackiert werden darf. Mich freut diese Entscheidung. Sie war nötig, um Ihre Liebe zu schützen.



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