Ich bin seit elf Jahren mit meinem Partner zusammen. Wir sind mit 19 zusammengekommen. Natürlich haben wir in dieser Zeit sehr viele Veränderungen gemeinsam durchlebt. Seit sieben Jahren wohnen wir zusammen. Eigentlich sind wir Seelenverwandte. Er ist mein allerbester Freund, und wir funktionieren im Alltag wirklich sehr gut miteinander. Trotzdem ist meiner Meinung nach seit 2023 der Wurm drin.

Ich habe in den letzten Jahren sehr viel an mir gearbeitet und bin sowohl optisch als auch beruflich ein gutes Stück weitergekommen. Gleichzeitig hatte ich aber immer mehr das Gefühl, von meinem Partner übersehen und nicht wirklich wahrgenommen zu werden. Irgendwann ist daraus leider auch Fremdgehen entstanden – und das sogar mehrfach mit ein und derselben Person. Dabei hatten mein Partner und ich zu diesem Zeitpunkt schon länger praktisch keinen sexuellen Kontakt mehr. Wir haben teilweise mit 30 wie ein altes Ehepaar zusammengelebt. Im Alltag funktionieren wir gut, wir meistern gemeinsam sehr viel und haben auch unglaublich viel Stress. Aber emotional und körperlich hat sich zwischen uns schon lange etwas verändert.

Mein Partner weiß von dem Fremdgehen. Was mir allerdings fehlt, ist das Verständnis dafür, dass unsere Probleme nicht erst durch meinen Seitensprung entstanden sind. Für mich war das Fundament unserer Beziehung schon lange vorher brüchig. Wir sind mittlerweile in einer Paartherapie, und tatsächlich spricht er dort inzwischen auch über seine Gefühle – etwas, das er früher eigentlich nie gemacht hat. Das gibt mir einerseits Hoffnung.

Andererseits habe ich immer stärker das Gefühl, dass es mir vielleicht besser gehen würde, wenn ich ihn verlassen würde. Ich bin körperlich mittlerweile so belastet, dass ich Schmerzen habe, nicht mehr richtig leistungsfähig bin und merke, dass ich immer mehr in Richtung Depression rutsche. Und genau deshalb frage ich mich: Ist diese Beziehung überhaupt noch zu retten? Oder hält uns mittlerweile vor allem zusammen, dass wir im Alltag so gut funktionieren und uns so lange kennen?

Kann eine Beziehung nach so vielen Jahren, nach einem solchen Vertrauensbruch und gleichzeitig so viel fehlender Nähe noch einmal neu aufgebaut werden? Oder gibt es irgendwann den Punkt, an dem Liebe allein nicht mehr reicht?

 

Ich versuche jetzt mal ein paar Schneisen der Vernunft in das Gefühlschaos zu schlagen, in das Sie beide sich hineinmanövriert haben.

Sie sind unglaublich lange zusammen. Aus Ihrer Sicht ist das ihr gesamtes erwachsenes Leben. Paare wie Sie beide, können sich ein Leben ohne einander oft gar nicht mehr vorstellen. Sie sind – scheinbar –  so vertraut miteinander, auch wenn Sie, wie Sie beide, kaum je über Gefühle reden. Sie haben sich aneinander gewöhnt. Aber mit Liebe hat das alles nicht mehr viel zu tun. Auch nicht mit Seelenverwandtschaft und die Freundschaft, von der Sie spreczhen, bleibt eher oberflächlich, wenn über Gefühle nicht gesprochen wird.

Ob es noch eine lebendige Liebe ist, das entscheidet sich an zwei Fragen. Erstens an der Frage, ob es noch Sex gibt, der den beiden Freude macht. Nicht Pflichtsex, bei dem zumindest eine Seite sehr unzufrieden ist, sondern eine Sexualität, bei der tatsächlich das Gefühl von Verbundenheit entsteht.

 

Als Sie beide keinen Sex mehr hatten, ist Ihre Beziehung als Paar zu Ende gegangen

 

Das ist bei Ihnen beiden erkennbar nicht der Fall. Sie haben schon lange gar keinen Sex mehr. Ich drücke es jetzt mal sehr deutlich aus: Als Sie beide keinen Sex mehr hatten, ist Ihre Beziehung als Paar zu Ende gegangen. Ihre Liebe hat sich verabschiedet. Den Sex einzustellen ist dann nur der Endpunkt eines quälend langsamen Prozesses. Möglicherweise hat er sich bei Ihnen über Jahre hingezogen.

Vielen Paaren gelingt es nicht, das was Ihnen passiert auch zu auszusprechen. In der Phase vor dem Ende der Körperlichkeiten ruft keiner der beiden Partner die Krise der Beziehung aus, obwohl sie doch ganz offensichtlich ist. Oft wird die Abwesenheit der Sexualität mit dem Stress begründet, den beide haben. Wir haben keinen Sex mehr, weil es gerade beruflich so anstrengend ist, denken die Paare dann – und weichen auf diese Weise ihrer Paar- und Ehekrise aus.

Ich habe gesagt, dass es zwei Fragen gibt, an denen es sich entscheidet, ob es noch Liebe ist. Der Sex ist die eine – und er ist das auch nur, weil die menschliche Sexualität eine so unglaublich enge Verbindung zu unserem Gefühlsleben hat. Die Entscheidung gegen den Sex wird im Gefühlsleben getroffen. Es will die Intimität nicht mehr. Der Sex ist in meinen Augen also nur das Fieberthermometer, an dem sich bei Paaren oft die Qualität ihrer Beziehung messen lässt.

 

Wenn es etwas gibt, was unser Gefühlsleben nicht leiden kann, dann, dass unsere Gefühle nicht zur Kenntnis genommen werden

 

Der zweite Punkt ist das Gefühlsleben selber. Es hat ja noch andere Wege, um sich zu äußern. Und da haben Sie in Ihrer Zuschrift eine sehr interessante Bemerkung gemacht: Ihr Partner redet jetzt, in der Paartherapie, erstmals über seine Gefühle. Das bedeutet, dass Sie beide über viele, viele Jahre auf den Kern einer jeden Beziehung, das Reden über zwischenmenschliche Gefühle, verzichtet haben. Wenn es etwas gibt, was unser Gefühlsleben nicht leiden kann, dann, dass unsere Gefühle nicht zur Kenntnis genommen werden. Sie werden nicht beachtet, nicht besprochen, nicht miteinander geteilt. Das führt zu einer geringen seelischen Intimität. Die führt in aller Regel zu einer abnehmenden körperlichen Intimität.

Spätestens bei Ihrer Untreue war das alles schon extrem zugespitzt. Leider haben Sie sich in dem Augenblick nicht dafür entscheiden, Ihrem Partner die Wahrheit zu sagen und die Krise der Beziehung auszurufen. Stattdessen fanden Sie es einfacher, ihn zu betrügen. Für diesen Betrug haben Sie alleine sich entscheiden und ich gestehe: Ich hätte Sie gerne davon abgebracht.

 

Für die Untreue selber sind nur Sie verantwortlich – gleichwohl sind nach wie vor Sie beide für die Krise Ihrer Beziehung zuständig

 

Die Untreue ist in meinen Augen ein Irrweg. Sie ist ein verständlicher Irrweg, denn er wird in den meisten Fällen deshalb gegangen, weil wir in der Beziehung emotional extrem unterversorgt sind. Aber ein Irrweg bleibt es eben doch. Sie betrügen den Lieblingsmenschen an Ihrer Seite, den Menschen, der Ihnen doch angeblich das allermeiste bedeutet. Zudem: Jeder zukünftige Partner wird Sie danach fragen, wie ihre vorherige Beziehung auseinandergegangen ist. Sie werden ihm die Wahrheit sagen müssen. Die Hälfte aller Männer ist danach zu keinem weiteren Date bereit. Und das sind die Männer, die ich als die Netteren bezeichnen würde. Umgekehrt ist das nicht anders. Auch wer als Mann über Untreue aus der Beziehung aussteigt, steht ähnlichen Fragen gegenüber. Welche Frau möchte einen untreuen Mann?

Für die Untreue selber sind nur Sie verantwortlich. Gleichwohl sind nach wie vor Sie beide für die Krise Ihrer Beziehung zuständig. Diese Krise ist jetzt, nach der Untreue, allerdings noch schwerer zu lösen als zuvor. Eine Paartherapie kann auch zu einer einvernehmlichen Trennung führen, wenn beide merken, dass es ehrlicher wäre, als aus lauter Gewohnheit so weiterzuleben.

Eine Idee würde ich Ihnen gerne noch mitgeben, zumal es Ihnen körperlich wie seelisch richtig schlecht zu gehen scheint. Der Satz, den ich von Singles in der Beratung am häufigsten höre, lautet: Die letzten Jahre der Beziehung hätte ich mir ersparen sollen.