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Lustlos – was tun, wenn Männer keinen Sex mehr wollen?

Allabendlich spielen sich in deutschen Wohnstuben wahre Jagdszenen ab. Da verfolgen Männer ihre Frauen um den Abendbrottisch, weil sie ihnen an die Wäsche wollen. Heißa, ist das ein buntes Treiben! Die Frauen dagegen wollen nicht, einmal mehr. Natürlich. Was sonst!

So wie gerade beschrieben will es das Klischee in Sachen Sex und Begehren zwischen den Geschlechtern. Der Mann kann immer und er will auch immer. Die Frau aber ziert sich. Sie hat „ihre Tage“, leidet unter den Wechseljahren („Immer diese Hitzewallungen“) oder unter Kopfschmerzen. Mit Sicherheit aber ist sie nicht scharf auf Sex.

So weit unser Bild vom Geschlechterverhältnis in punkto Lust und Unlust. Die Realität ist anders. In Wahrheit leben viele Frauen in einer Partnerschaft, in der sie öfter wollen als er. Möglicherweise haben Sie als Frau ja ganz ähnliche Erfahrungen gemacht. Sie wollen – er nicht. Und möglicherweise ist das in Ihrer Beziehung schon oft passiert. Vielleicht erleichtert es Sie ja zu erfahren: Sie sind nicht alleine! Zahlreiche Frauen machen die gleichen Erfahrungen wie Sie.

In vielen Partnerschaften sind es die Frauen, die mehr Sex wollen als ihre Männer. Die Szenen, die sich in diesen Partnerschaften abspielen, sind deutlich weniger lustig, als die eingangs beschriebene, dafür aber sind sie wahr.

 

Marina wundert sich – und leidet

 

Sie signalisiert ihm ihr Interesse – und wird zurückgewiesen. Sie will Zärtlichkeit und körperliche Nähe – und er lehnt das brüsk ab. Marina (42) hat das nun schon weit über hundert Mal erlebt. Frank muss dringend die Tagesthemen sehen, schläft Abend für Abend vor dem Fernseher ein, statt in ihren Armen. Oder er will noch ein „ein wenig“ Computer spielen und kommt erst tief in der Nacht ins Bett. Letzte Variante: Er dreht sich nach einem flüchtigen Gutenacht-Kuss um und will schlafen. Was Frank aber nicht oder nur sehr selten will, dass sind Zärtlichkeiten, Küsse und Sex.

Seit fünf Jahren geht das nun schon so. Marina will sich nicht trennen von ihrem Mann, doch gleichzeitig spürt sie, dass es so nicht mehr weitergeht. Sie kann und will nicht auf körperliche Nähe und auf Sex verzichten. Nur dem achtjährigen Sohn zuliebe zusammenbleiben? Nein, das kommt für sie nicht in Frage. Wie oft gab es Sex in den letzten fünf Jahren? „Drei Mal“, sagt Marina leise, „ganze drei Mal.“ Ihre Stimme klingt hoffnungslos – so hoffnungslos, wie ihre Lage ihr erscheint.


Deutschlands Geheimnis Nr. 1

 

Männer die nicht wollen, ja, es gibt sie. Sie wollen ihre Frauen nicht küssen, sie wollen sie nicht umarmen und schon gar nicht wollen sie Sex mit ihnen. Und das nicht etwa nur gelegentlich sondern oft. In besonders hartnäckigen Fällen sogar dauerhaft. Dann gibt es gar keinen Sex mehr. Männer die gar keinen Sex wollen – die gibt es dem Klischee nach nicht. In der Realität aber schon. Und sie sind viele.

Männer die keinen Sex wollen, das ist wahrscheinlich das am besten gehütete Geheimnis, das sich hinter deutschen Haustüren und in deutschen Schlafzimmern finden lässt. Und nicht nur dort. Nichts spricht dafür, dass es in anderen europäischen Ländern anders aussieht als bei uns. Einige Untersuchungen belegen diesen Fakt auch für die USA.

Wie fühlt sich eine Frau, alleine gelassen mit ihren sexuellen Wünschen und wieder und wieder zurückgewiesen? Schlecht – natürlich. Marina hat lange gebraucht um zu erfassen, was da vor sich geht. Erst dachte sie: „Er hat wahrscheinlich Stress.“ Doch auch im Urlaub tat sich in Punkto Erotik nicht mehr. Kein erotisches Angebot von ihm, kein Eingehen auf ihre Avancen. Manche Frauen in dieser Lage suchen nach einer anderen plausiblen Begründung. Gesundheitliche Gründe zum Beispiel. Sind es vielleicht Erektionsprobleme, die dringend ärztlich abgeklärt werden müssten? Doch auch bei diesem Weg kommt in der Regel nichts heraus. Auch eine gewissenhafte Untersuchung bringt keinen Anhaltspunkt für organische Ursachen an den Tag. Was bleibt ist der Frust.

Mit den Wochen und Monaten stellen sich Selbstwertzweifel ein. Auch Marina ist es so ergangen. Wenn er sie nicht mehr begehrt, dann kann das ja wohl nur an ihr liegen. Am Ende fragen sich viele Frauen: Stimmt etwas nicht mit mir? Bin ich etwa nicht mehr attraktiv für ihn? Einmal hat sie versucht, mit einer Freundin über das Problem zu sprechen. Das Ergebnis: Ungläubiges Zweifeln. Männer wollen immer. Das sah auch die Freundin so. Und Marinas Einsamkeit wuchs noch einmal.

 

Wie Sexualwissenschaftler jahrzehntelang im Dunklen tappten

 

Früher haben Sexualwissenschaftler bei ihren Forschungen von alledem nicht viel mitbekommen. Studien über sexuelle Gewohnheiten basierten in der Regel auf Selbstauskünften. Da wurden also Männer und Frauen befragt, wie oft im Monat sie Sex hatten und wie oft sie gerne welchen hätten. Eigentlich ein sicherer Weg um herauszufinden, wer wie häufig Sex hat, wer wie häufig will oder nicht will – und wer ein völliger Sex-Muffel ist. Eigentlich.

Wäre da nur nicht die gesellschaftliche Konvention, die männliche Sex-Muffel nicht kennt. Frauen haben Kopfschmerzen oder ihre Tage oder was auch immer. Männer aber nicht. Welcher Mann gibt schon zu, ein echter Sex-Muffel zu sein! Keiner. So haben manche Männer in diesen Untersuchungen schlicht gelogen. Andere haben es sich noch einfacher gemacht und nahmen an der entsprechenden Untersuchung erst gar nicht teil. So bekamen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler über viele Jahrzehnte nichts mit von der sexuellen Unlust der Männer.

Seit einigen Jahren schauen Forscherinnen und Forscher nun genauer hin. Sie ändern ganz einfach ihre Vorgehensweise bei Befragungen. Sie fragen jetzt – die Frauen! Frauen geben eher als Männer zu, wenn es in ihrer Partnerschaft zu einem ungleichen Verlangen kommt, bei dem die Frau mehr und der Mann seltener will. Und siehe da, die Zahlen ändern sich dramatisch. Eine große amerikanische Studie kam zu dem Ergebnis: Der sexuelle Frust bei Frauen ist ausgesprochen häufig – beinahe ebenso häufig wie bei Männern. Der Anteil von Männern und Frauen die mehr Sex in ihrer Beziehung wollen ist diesen Zahlen zufolge in etwa gleich groß. Er beträgt jeweils rund ein Drittel, mit einem leichten Übergewicht der Männer. Beim letzten Drittel der Befragten war das Begehren ausgeglichen.

 

Der Rückzug der Männer vom Sex

 

Manche Wissenschaftler aber auch Paarberater und Paartherapeuten wie etwa der bekannte amerikanische Paarforscher John Gottman halten es sogar für wahrscheinlich, dass Frauen häufiger unter sexuellem Frust leiden als Männer. Belege für diese Ansicht gibt es auch für Deutsch-land. Viele Psychotherapeuten und Paarberater kennen eine große Zahl von Geschichten mit Männern, die keinen Sex mehr wollen oder nur sehr, sehr selten dazu zu bewegen sind. Eine Erhebung eines Berliner Therapeuten, der über Jahrzehnte Statistik darüber führt, wer in der Partnerschaft den Rückzug von der Sexualität antritt, sieht die Männer sogar deutlich vorn. Es sind nach diesen Zahlen zu 65 % die Männer und zu 35 % die Frauen.

Der Rückzug von der Sexualität geht oft auch mit einem Rückzug von anderen Formen der körperlichen Nähe einher, wie Umarmungen und Küssen. Oft geht schleichend auch das persönliche Gespräch in der Partnerschaft verloren. Die Paare reden nur noch darüber, wer den Einkauf erledigt und was es zu essen gibt. Oder über das Wetter. Aber nicht über sich selber.

In einer Beziehung ohne Sex leben zu müssen, ohne Zärtlichkeiten und ohne persönliche Gespräche, das fühlt sich schrecklich an. Und es ist in der Tat schrecklich, denn die Zukunft einer solchen Partnerschaft ist ausgesprochen düster. Sie befindet sich auf einer schiefen und glitschigen Ebene, auf der sie unerbittlich immer weiter in Richtung Abgrund gleitet. Nur in seltenen Fällen arrangieren sich die Beteiligten dauerhaft mit den Verhältnissen und bleiben als ein unglückliches Paar zusammen.

Über Trennung hat Marina schon oft nachgedacht. Das Ergebnis ist immer das gleiche: Sie weiß, dass ihr Mann den Kontakt zum gemeinsamen Sohn verweigern wird, wenn sie sich trennt. Das will sie dem Jungen aber nicht antun. Doch der Frust über kein Sex, keine Zärtlichkeiten und keine Küsse wächst bei ihr immer mehr an. Einmal hat sie es schon mit einem Seitensprung versucht. „Aber das ist doch nicht das, was ich will!“, sagt sie. Der Sex mit dem alten Bekannten aus Jugendtagen hat ihr nicht gut getan. Im Gegenteil. Danach war sie noch niedergeschlagener. „Ich will Sex mit meinem Mann, nicht mit einem Fremden!“

Warum will Frank nur keinen Sex mehr? Das hat sich Marina schon hunderte Male gefragt. Eine Antwort weiß sie nicht. Da Frank sich weigert, mit ihr über das Thema zu reden oder gar in eine Beratung zu kommen, bleiben Marina – und uns – nur Vermutungen über die Gründe für sein Verhalten. Gesicherte Erkenntnisse darüber, warum Männer (und Frauen) keinen Sex mehr wollen oder nur sehr selten, gibt es gleichwohl.

 

 

Dem Rückzug der Männer auf der Spur

 

In ihrem neuen Buch „Lustlos“ geht die amerikanische Paartherapeutin Michele Weiner Davis vor allem der Frage nach, was Frauen tun können, wenn er nicht mehr will:

„Sind Sie eine sexuell einsame Ehefrau? Eine Frau, deren größter Wunsch es ist, mehr guten Sex mit ihrem Mann zu haben? Würde mehr Sex auch schon genügen? Oder, um es auf den Punkt zu bringen: Würde etwas Sex ausreichen?

Falls das zutrifft, wundert es mich nicht, dass der Titel dieses Buches Sie angesprochen hat. Sie sehnen sich nach einer liebevollen, leidenschaftlichen und sinnlichen sexuellen Beziehung zu Ihrem Mann. Und die verdienen Sie auch! Die gute Nachricht: Hier sind sie absolut richtig.“ (Vorwort)

Weiner Davis hat mit „Lustlos“ ein ganz wunderbares Buch geschrieben. Es ist eine gute Analyse (Wie kommt es dazu?) und bietet eine Fülle von Anregungen, was Frauen tun können, um wieder Sexualität mit ihrem Partner zu genießen.

In der kommenden Woche geht es hier auf herzenssache365 um die häufigsten Gründe, warum Männer und warum Frauen keinen Sex mehr wollen.

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1 Kommentar

  1. Ich kannte mal einen Mann, der wollte zwar Zärtlichkeiten, aber keinen Sex.
    Diesen nur aus der Ferne, also per SMS oder Telefon und wenn wir uns sahen dann nur Küssen und Umarmungen. Ich hab oft versucht, mit ihm darüber zu sprechen, er wusste es selbst nicht, ließ mich aber wissen, dass es nichts mit mir zu tun hatte.
    Warum das auch bei anderen Männern so ist, liegt vielleicht auch daran, dass mann (wie auch frau) im Alltag einfach so eingespannt ist, viel Stress im Beruf, unglaublich viele Freizeitmöglichkeiten, was ja auch Stress ist oder man hat Kind(er), die einem Sorgen bereiten, psychische Erkrankungen, Depressionen vermindern auch die Lust. Darüber reden Männer meist nicht, auch nicht mit der Partnerin. Es gibt so viele Gründe, keinen Sex haben zu wollen. Ich kann das verstehen. Für mich gibt es auch Wichtigeres.

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