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Das Problem fängt da an wo nur einer etwas möchte und es trotzdem zu zweit weitergeht

Die Vorwürfe von sexuellen Übergriffen gegen Prominente hier bei uns in Deutschland wie in den USA haben auch die bekannte Sexualexpertin Ann-Marlene Henning (MAKE LOVE) zu einer Stellungnahme veranlasst – die wir hier gerne abdrucken.

– Gastbeitrag von ANN-MARLENE HENNING –

Sexistische Übergriffe spiegeln fast immer männliche Dominanz, deren Rechtfertigung auf dieser Erziehung fußt:  „Ich kann nicht anders, mein Schwanz entscheidet. Es ist ein Trieb!“ Wissenschaftlich gesehen ist das Quatsch: Die sexuelle Lust folgt keinem herkömmlichen Triebmuster, sondern funktioniert eher wie Neugierde, ist also kontrollierbar.

Übrigens richten sich solche Übergriffe nicht nur gegen Frauen: Man denke nur an all die kleinen Jungen in bestimmten katholischen Einrichtungen.

Schon immer haben Männer sexuelle Leistungen eingefordert und Frauen „zugestimmt“, weil sie fürchteten, ihre Karriere oder ihr öffentliches Ansehen würden sonst ruiniert werden, bestimmte Jobs seien sonst für sie unerreichbar.

Die aktuelle Debatte ist deshalb wichtig, weil sie genau dies ans Licht bringt. Dieser Sex, der nicht einvernehmlich ist oder unter großem Druck „vereinbart“ wird, ist nicht verhandelt, sondern erzwungen. Die Öffentlichkeit regt sich zu Recht auf.

Was können wir also tun? Wir müssen uns freimachen von der Scham! Nicht von der  natürlichen Scham. Die  hat ihre Berechtigung, sie wahrt die sexuelle Intimität.

Es geht um die völlig übertriebene und angelernte Scham im Bereich der Sexualität. Sie ist ein riesiges Problem. Weil sie verhindert, dass wir über diese Themen sprechen. Und es so ermöglicht, schwächere Individuen auszunutzen.

Wir als Gesellschaft müssen es hinbekommen, über diese Themen zu sprechen. Und Frauen und Männer müssen wirklich die gleichen Rechte haben. Dann gibt es auch das reale Recht, „Nein“ zu sagen – zu einem Mann in einer Machtposition.

Würden wir unsere Kinder entspannt aufklären, sie ihren eigenen Körper kennenlernen lassen, sie könnten das Selbstbewusstsein entwickeln, über ebendiesen Körper zu entscheiden und stark zu sein – auch gegen Machtmissbrauch.

Es geht nicht um eine Hexenjagd gegen Männer. Es gibt etliche „gewagte“ sexuelle Handlungen zwischen Fremden oder Bekannten, Chefs und Angestellten, die Teil eines von beiden gewollten Flirts sind. Das Problem fängt da an, wo nur einer etwas möchte und es trotzdem zu zweit weitergeht. Wir sollten mutig, klar und deutlich darüber sprechen, manchmal auch laut. Damit es jeder hört.

 

Ann-Marlene Hennig arbeitet als Paar- und Sexualberaterin in Hamburg (doch-noch.de). Ihr Beitrag „Das Problem fängt da an wo nur einer etwas möchte und es trotzdem zu zweit weitergeht“ ist zuerst in der Hamburger Morgenpost erschienen. Beitragsfoto: Gebrüder Beetz Filmproduktion Berlin.

 

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1 Kommentar

  1. Dem Beitrag kann ich weitgehend zustimmen. Leider prangert er nur die Übergriffe von katholischen Organisationen auf Kinder an. Das ist sehr einseitig, denn in allen Gesellschaften und Gemeinschaften kann dies auftreten. Diese Übergriffe geschehen von allen Bevölkerungsgruppen auf Jungen und Mädchen. Die katholische Kirche ist offen im Umgang mit dem Thema wie keine andere mir bekannte Glaubensgemeinschaft.
    Bei einer Onlinerecherche konnte ich Missbrauchsfälle bei Bundeswehr, Neonazis, Sportlehrer, Trainer, Politiker, Familienmitglieder und usw. finden. Ein Problem das sich nicht wie die Autorin schreibt als „.. eine Hexenjagd gegen Männer“ äußern sollte.

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